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 Aistus

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Raoul
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BeitragThema: Aistus   So Dez 11, 2011 9:13 am

Ich laufe durch das Dorf, müde, mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, die letzten Tage waren hart, ich bin die meiste Zeit gelaufen, hatte nur wenig Schlaf und keinen Erfolg bei der Jagd, ich bin hungrig, ausgelaugt und fertig mit den Nerven. Drei mal wurde ich überfallen, bis ich ins Dorf gekommen bin, zwei mal hab ich ernsthafte Verletzungen davongetragen. Gut, sie sind geheilt, aber ich bin ziemlich mies gelaunt und will jetzt nur noch in eine Herberge, mir ein Zimmer mieten und einen großen Humpen Bier bestellen. Ich war kurz in einem Laden und hab mir Vorräte für die nächsten Tage geholt, mir ist seltsam kalt, vielleicht einfach, weil ich sämtliche Kraft verbraucht habe und mich wie ausgebrannt fühle. Hinter meinem Kopf hämmert es, als wäre ich mit einem fetten Kater aufgewacht und meine Laune ist mehr als nur im Keller. Ich muss mich schwer zurückhalten, um nicht einfach sofort zu zeigen, was ich bin, damit mich keiner blöd von der Seite anquatscht. Ich hasse Menschen und es wäre mir grade recht, wäre ich nicht auf ihre Städte angewiesen, aber ich muss gelegentlich auch mal eine Stadt aufsuchen, allein, um Medikamente für den schlimmsten Fall der Fälle zu besorgen und mir auch mal einen ordentlichen Schnaps zu gönnen. Ich blicke mich um, die Straßen wirken relativ sauber und ich könnte mich hier glatt niederlassen, würden die Menschen mich überhaupt akzeptieren. Aber da ist ja schon das erste Problem, also sollte ich über so etwas gar nicht erst nachdenken und mich lieber auf das konzentrieren, was nicht nur Fiktion, sondern eben die Realität ist. Ich senke den Blick wieder auf den Boden vor mir, die Ohren gespitzt und die Augen gänzlich geschlossen, als ich plötzlich wütende Rufe höre.
Ich schnuppere neugierig, der Geruch von vielen Menschen weht zu mir und sie sind, wie mir ihr Körpergeruch und ihre Stimmen verraten, stinksauer. Und ich rieche noch etwas, kaum wahrnehmbar und eigentlich schon nichtig, wäre es nicht so ein ungewöhnlicher und doch vertrauter Geruch. Er erinnert mich an den eines Drachen, wenn auch nur unwesentlich, es riecht zwar ansatzweise nach den majestätischen Kreaturen, aber doch ist der Geruch etwas anders. Viel schwächer, den meisten würde er schlicht und ergreifend nicht einmal auffallen. Ich seufze und lasse meine Tasche fallen, ehe ich mich kurz ein bisschen dehne. Da scheint jemand sich in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht zu haben und obendrein nicht menschlich zu sein, zwei gute Gründe, zu helfen, wer oder was auch immer das ist und was auch immer ihm oder ihr vorgeworfen wird. Mir persönlich geht das so was von am Arsch vorbei, immerhin scheint das ganze Dorf gegen diese Person zu sein und ich weiß ja selbst, wie gefährlich so etwas werden kann. Da die Stimmen und auch, wie ich nun erst höre, schnelle Schritte auf mich zukommen, bleibe ich einfach stehen und warte, auch, wenn mir mittlerweile der angenehme Kupferduft von Blut in die Nase steigt, der Verfolgte scheint verletzt zu sein und ich hoffe einfach für ihn, dass er es noch an mir vorbei schafft, sodass ich die Meute aufhalten kann. Kurz steigt ein Knurren in meiner Kehle auf, als ich mich daran erinnere, wie man mich damals behandelt hat, nur, weil ich anders war als sie, ich vermute einfach, dass das hier jetzt keinen wirklich anderen Grund hat, egal, welchen auch immer diese Dorfbewohner vorschieben sollten.
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Jiyu
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BeitragThema: Re: Aistus   So Dez 11, 2011 10:17 am

Tagelang hatte Jiyu nur das nötigste in den Magen bekommen, einmal in den paar Tagen, die er nun frei war, hatte er einen Tierkadaver gefunden und der Hunger hatte es rein getrieben. Es war nur ein bereits angefressener Rehbock gewesen, aber es hatte gereicht, den schlimmsten Hunger zu stillen. Als er in die Stadt gekommen war, hatte ihm gleich der verführerische Duft von Nahrung entgegen geschlagen, auch noch Essen, dass man offen herum liegen ließ. In Kisten, einfach mitten auf der Straße. Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse, auch wenn Jiyu die Hälfte der Sorten nicht kannte. Wahrscheinlich gehörten diese Nahrungsmittel irgendjemandem, aber sein Hunger war so groß, dass er darüber einfach nicht nachgedacht hatte. Auch nicht darüber, dass man auf der Erde für Nahrung und ähnliches bezahlen musste. Und als er sich einfach so etwas genommen hatte, war ein wütender Verkäufer um die Ecke gekommen, hatte ihn angeschrien und erschrocken war Jiyu als erste Reaktion davon gerannt. Er war so verwirrt seitdem man ihn einfach auf der Erde ausgesetzt hatte, all die neuen Eindrücke verstörten ihn und so fiel er nicht wie sonst auf die Knie, sondern rannte, was sein ausgezehrter Körper hergab. Und was war nicht besonders schnell, er hatte zu lange nichts gegessen und nicht wirklich geschlafen, weil es einfach zu kalt gewesen war des Nachts. Noch dazu hatte er immer wieder die schrecklichen Bilder von der Hinrichtung seines Meisters Heishin im Kopf, den Schädel mit den toten, leeren Augen, der auf den Boden rollte und ihn eine Sekunde lang angestarrt hatte, bevor man ihn weg gezerrt hatte. Wie Meister Heishin bis zum Schluss stolz und aufrecht zu dem Holzklotz gegangen war, obwohl ihn dort der Tod erwartet hatte. Und wie Jiyu einfach nur steif vor Schock gewesen war, wie der Schock jede Reaktion verhindert hatte, bis er auf der Erde war. Doch der leere, glasige Blick aus den Augenhöhlen seines Meisters verfolgte Jiyu immer noch in seinen Albträumen, genauso wie das, was er als Sklave hatte erleben und durchmachen müssen. All das war auf der Erde in ihm hochgekommen, ließ ihn nachts genauso wie die Kälte kaum schlafen und er wusste schon in dem Moment, wo er los rannte, dass er nicht lange durchhalten würde. Der Händler war nicht der einzige, der ihm hinter her rannte, ihm schloss sich eine regelrechte Meute an, die den armen, abgemagerten Jiyu durch die Straßen hetzte. Er war schwach, er war ja schon tagelang durch den Wald gelaufen und jetzt noch das Gerenne... er hörte noch, wie sie ihm hinter her brüllten, er solle stehen bleiben, aber das erste Mal in seinem Leben hörte er in seiner Verstörtheit und Angst auf seine Instinkte und rannte. Er würde nicht lange durchhalten, dann würde er zusammenbrechen... Als jemand irgendwas nach ihm warf, spürte er einen scharfen, stechenden Schmerz an seiner Seite und Blut lief seinen schmalen Körper entlang hinunter. Aber selbst darauf achtete er nicht wirklich, sondern lief einfach weiter. Er würde wahrscheinlich bald zusammenbrechen, dann würden sie ihn töten für etwas, dass er schlicht nicht gewusst hatte... Er sah sich einen Moment lang über die Schulter und prompt rannte der junge Naga in etwas, oder besser gesagt jemanden hinein. Er stolperte einige Schritte zurück und lag ihm nächsten Moment auch schon auf dem Boden. Todesangst stand in seinen violetten Augen, als er zu dem großen Mann aufsah, in den er gerade gerannt war. War das jemand, der ihm nur auflauern sollte? Jiyus Herz raste, ihm war schwindlig, seine Seite und seine Lunge brannten und als er die wütende Menge hinter sich wieder hörte, sah er noch einmal völlig verstört und verhetzt zu dem Mann auf. Zurück und vor konnte er nicht mehr, jetzt war es also aus mit ihm. Ein paar Tage in Freiheit und schon starb er... Geistesabwesend und völlig von seinen Instinkten geleitet, die nach einem Leben ohne diese jetzt in seinem seelischen und körperlichen Zustand voll ausbrachen flüchtete er zur Seite, rappelte sich mit einem schmerzerfüllten Stöhnen auf und stolperte in eine dunkle, kleine Gasse.... eine Sackgasse! Vollkommen von der Angst geleitet drückte Jiyu sich in eine Ecke, wimmerte und machte sich so klein er konnte. Die Wunde an seiner Seite stach und brannte, der Stoff seiner Kleidung war an dieser Stelle aufgerissen und blutdurchtränkt, aber jetzt hatten sie ihn wahrscheinlich ja ohnehin. Er würde sterben... Er drückte sich so eng als möglich in die dunkle Ecke, kauert sich zusammen und harrte seinem Tod.
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Raoul
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BeitragThema: Re: Aistus   Mo Dez 12, 2011 2:16 am

Ich blicke zu der Gasse, aus der die Geräusche kommen, es ist eine relativ große Gasse und sie führt wahrscheinlich zum Marktplatz, sie ist etwa noch 20 Meter von mir entfernt und relativ breit. Ich kann mir schon fast ein Bild machen, was passiert ist: Ein Kind oder ein junger Erwachsener ohne Perspektiven hat versucht, sich etwas zu essen zu stibitzen, weil er oder sie so Hunger hatte, und wurde erwischt. Jetzt ist das ganze Dorf hinter dem armen Teufel her, um ihn zu bestrafen. Und wie sie das machen, weiß ich nur zu gut, ich kann mir das Knurren allein deswegen schon kaum noch verkneifen, schließlich ist es garantiert nicht das richtige, jemandem eine Hand abzuhacken, nur, weil er oder sie versucht hat, zu überleben. Aber diese Leute lassen nicht mit sich reden, sie wollen nichts davon hören, dass man denjenigen doch einfach mal Perspektiven bieten und ihnen die Möglichkeit für ein anderes Leben geben sollte, statt sie so schwer zu bestrafen und zu einem Leben als elender Dieb zu verurteilen, denn einen Einhändigen lässt so oder so niemand bei sich arbeiten und so haben sie keine Chance, jemals etwas anderes zu tun, als zu stehlen, um zu überleben. Sie haben, wenn man es genau nimmt, sogar Glück, sollte die Stadtwache einer Stadt sie aufsammeln und in eine Zelle stecken, denn das bedeutet regelmäßig Nahrung und sauberes Wasser für die Zeit ihrer Haftstrafe für sie. Aber so, wie die Bewohner von Dörfern und Städten Selbstjustiz üben, kann man es nicht dulden, auch Diebe haben ein Recht, frei und unversehrt wie wir Leute mit den richtigen Mitteln zu leben. Allein deswegen schon will ich dem armen Teufel, der von der Meute gejagt wird, helfen, in der Hoffung, wenigstens einen einzigen vor diesem schrecklichen, grausamen Schicksal zu bewahren. Ich hoffe, mit Diplomatie etwas erreichen zu können, aber das funktioniert leider in den allerwenigsten Fällen und zu guter letzt muss man doch wieder zu den Waffen oder in meinem Fall zu Klauen und Zähnen greifen.
Dann kommt der Junge aus der Gasse gehetzt, er blutet schwer aus einer Wunde in der Seite und ist sichtlich abgemagert, wahrscheinlich ist er völlig am Ende und kann kaum noch laufen. Mitleid keimt in mir auf, weil mir erst jetzt klar wird, in was für einer schlechten Verfassung sich der "Täter" in diesem Fall zu befinden scheint. Der Junge achtet gar nicht auf mich, während er direkt auf mich zurennt, ich bleibe stehen, wie ein Fels, weil ich denke, dass er mich ja wohl noch rechtzeitig bemerken wird, um eine Kollision zu vermeiden und sich selbst nicht am Ende noch mehr weh zu tun, als es eh schon der Fall zu sein scheint, aber der Junge blickt nach hinten und bemerkt mich erst, als er mit der Wucht des Geschosses eines Katapults in mich rein knallt und prompt wieder nach hinten taumelt, ehe er umkippt. Ob vor Erschöpfung, wegen der Aufprallkraft, einfach aufgrund der schweren Wunde oder wegen allen drei Faktoren, das weiß ich nicht, jedoch vermute ich einfach einmal letzteres. Ich rieche die Angst des Jungen und sie macht mich nur noch wütender, als ich eh schon bin, ich muss mich zurückhalten, um die Zähne nicht zu fletschen und relativ nett zu bleiben, sprich, nicht gleich auf die Meute loszugehen. Ich mache einen Schritt nach links, gehe an dem Jungen vorbei, mache wieder einen Schritt nach rechts und verschränke mit gerunzelter Stirn die Arme. Den Kleinen beachte ich kein Stück mehr, ich nehme einfach an, dass ihm das lieber ist und er sich so vielleicht eher noch beruhigen könnte, als wenn ich mich jetzt großartig mit ihm befassen würde. Und selbst, wenn es anders wäre., würde ich mich jetzt erst einmal um die Meute kümmern, um die Gefahr zu bannen, bevor ich noch von hinten attackiert werde, weil ich ihm helfen will. Meine Augen drücken Hass, Verachtung und auch ein bisschen Angst aus, ein Teil von mir will wegrennen, weil ich Menschen einfach fürchte, aber den hatte ich schon immer gut unter Kontrolle und so warte ich einfach, ob die Meute vor mir stoppt, oder ob ich zu Gewalt greifen und jemanden verletzen muss, bevor sie verstehen, dass mit mir nicht zu spaßen ist. Für die mit Familie hoffe ich ja, dass sie nicht so dumm sind, mich zu unterschätzen, denn es wäre nicht das erste mal, dass ich dabei ein oder zwei Menschen umbringe.
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Jiyu
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BeitragThema: Re: Aistus   Mo Dez 12, 2011 6:26 am

Jiyu war am Ende, körperlich und geistig. Er war einfach fertig, wenn sie ihn nicht auf der Stelle töteten, würde er noch an Erschöpfung sterben. Eigentlich hatte er nur die Wahl zwischen einem schnellen Tod und der Aufgabe seines Körpers. Vielleicht fanden sie ihn auch nicht... dann würde er hier eben an Erschöpfung und Hungers sterben. Das hatte er also von der Freiheit gehabt... ein paar Hungertage im Wald, eine Hetzjagd und den anschließenden Tod. Die Freiheit hatte er sich irgendwie anders vorgestellt... in den Büchern, die Meister Heishin ihm manchmal zu lesen gegeben hatte, sah es mit der Freiheit immer ganz anders aus. Andererseits war er ganz allein... er würde wohl immer allein, wobei immer wahrscheinlich die nächsten zehn Minuten sein würden. Er war zu schwach, um sich gegen irgendwas zur Wehr zu setzen, er kauerte zitternd in einer Ecke und wenn sie ihn jetzt töten wollten, dann sollten sie es tun. Was nutzte ihm denn die Freiheit, wenn er allein war und sich einfach nicht zurecht fand? Er wusste ja nicht, wie es auf der Erde war, wie es hier zuging und er hatte niemandem, der ihn aufnehmen könnte. Jiyu hatte ernsthaft den Gedanken, sich hier einen neuen Herren zu suchen oder sich an einen zu verkaufen. Aber jetzt war es das sowieso... er würde endgültig frei sein, er würde Meister Heishin in den Tod folgen. Vielleicht hatte sein Schicksal ja genau das vorgesehen, wusste er es denn? Vielleicht hatte es für ihn vorgesehen, dass er sterben sollte... Sein Herz raste immer noch, sein ganzer Körper schmerzte und besonders brannte ihm die Seite, wo er eine tiefe Schnittwunde hatte. Er schluchzte, trotz dessen, dass sein Tod vielleicht auch einen ewigen Frieden für ihn bedeutete, hatte er Angst davor, zu sterben.
Vor der kleinen Gasse hatte die Meute sich unterdessen vor Raoul aufgebaut, in den Jiyu rein gerannt war. Der junge Naga mit den langen Haaren hörte nicht wirklich hin, er war zu sehr am Ende mit seinen Kräften. Der Händler, dem er etwas gestohlen hatte, war ganz vorn, hatte die Brauen tief in die Stirn gezogen und sah zu dem wesentlich größeren Raoul auf. „Aus dem Weg! Dieser kleine, dreckige Dieb wird seine gerechte Strafe bekommen, aus dem Weg!“ Er versuchte noch, an dem kräftigen und wesentlich größerem Mann vorbei in die kleine dunkle Gasse zu kommen, wo der ausgezehrte Jiyu hockte und zitterte. Er zitterte nicht nur aus Angst, er war auch einfach unterkühlt, seine Muskeln überbeansprucht, er war ja sein ganzes Leben lang so gesehen fast geschont worden. Seine Tanzstunden und einige Praktiken der körperlichen Liebe waren die einzigen Tätigkeiten, die wirklich eine gewisse physische Fitness erforderten. Aber sein Körper war auch gezeichnet von Züchtigungen, sehr feine Narben am Rücken und vor allem Schmerzen wegen dem erzwungenen Beischlaf, er war einfach am Ende. Auch wenn er noch so am Rande seines Bewusstseins mitbekam, dass da wohl einer die Meute davon abhielt, zu ihm zu stürmen und ihn umzubringen...
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Raoul
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BeitragThema: Re: Aistus   Mo Dez 12, 2011 8:16 am

Ich verziehe das Gesicht, als die Meute vor mir stehen bleibt, ich bin genervt, müde und habe nach wie vor diesen schrecklichen Brummschädel, am liebsten würde ich nur noch in eine Herberge, mir ein Zimmer bezahlen und mich hinlegen, einfach schlafen und abtauchen. Ich verfluche den Jungen beinahe dafür, dass ich jetzt sehr sicher keine ruhige Minute in diesem Dorf werde verbringen können, schließlich muss ich jetzt dafür sorgen, dass niemand, aber auch gar niemand auf die Idee kommen könnte, ihn anzugreifen und doch noch zu tun, was sie ihm von Anfang an antun wollten. Ich könnte nicht mal schlafen, wenn mein Gewissen das dann noch zulassen würde und selbst da ist schon das Problem. Mein Gewissen wird nicht zulassen, dass ich schlafe, wenn ich den Jungen jetzt rette, ich habe dann ein gewisses Gefühl von Verantwortung. Ich denke einfach, dass ich jetzt auch dafür sorgen sollte, dass es ihm gut geht, bis er allein für sich sorgen kann. Und das zweite Problem wird sein, dass die Menschen mich hassen und töten wollen werden, denke ich mal. Was wäre einfacher, als den dreckigen Werwolf im Schlaf zu erdolchen, aber das will und kann ich nicht zulassen. Nicht nur, weil ich leben will, sondern auch, weil der Junge jemanden braucht, der für ihn sorgt und das wohl kein anderer jemals tun würde. Für diese Leute ist er nur noch ein dreckiger, nutzloser Dieb, den man zur Rechenschaft ziehen und ermorden sollte, der vielleicht grade noch zu schaulustigen Zwecken dienen dürfte. Ich kann die Angst dieses Kindes verstehen und ich hoffe einfach, auf es aufpassen und es wenigstens jetzt, wo ich in der Nähe bin, schützen zu können.
Das ist auch der Grund, warum ich keinen Schritt zur Seite mache, als dieser Kerl mir sagt, dass ich aus dem Weg gehen solle. Ich gähne gelangweilt und seufze, der Kerl ist wirklich noch dümmer, als er aussieht und das darf man wohl ein Kunststück nennen, denn er sieht schon nicht grade wie der hellste aus. Dass er das Abhacken der rechten Hand eine gerechte Strafe nennt, lässt mich die Zähne fletschen, ich bin furchtbar wütend und jetzt kann ich meine wahre Natur auch nicht mehr wirklich verbergen. Gut, mir wachsen kein Fell und keine Zähne, aber ich knurre und zeige meine Zähne, fast wie ein wirklicher, gewöhnlicher Wolf, der geltend machen will, wer hier das Alphatier ist. Meine Stimme klingt bedrohlich, feindselig, voller Hass und brennender Wut, ich will dieses verdammte Arschloch sofort auseinander reißen, aber jetzt sollte ich es wirklich zuerst mit Diplomatie versuchen, einfach, um diese Menschen, die es einfach nicht besser wissen, zu schonen und sie nicht zu töten, weil ein einziges Monstrum unter ihnen ist, das diesen Jungen töten will. >>Ihr nennt es eine gerechte Strafe, ein hilfloses Kind zum Krüppel zu schlagen? Der kleine hatte gottverdammt nochmal Hunger! Er war am Verhungern, er wird in ein paar Tagen sterben, wenn er nichts zwischen die Kiemen bekommt!<< Als der Kerl versucht, an mir vorbei zu kommen, halte ich eine Hand vor seine Stirn, damit er nicht an mir vorbei kommen kann, ich packe leicht zu, damit der Kerl, für den Fall, dass er schlauer ist, als er aussieht, nicht auf die Idee kommt, einen Schritt zu machen und es noch einmal zu versuchen, an mir vorbei zu kommen. Ich bin stinkwütend und ich spüre, wie mir das Herz bis zum Hals klopft, einfach vor unbändiger Wut. Das einzige, was mich davon abhält, diesen Kerl zu zerreißen, ist die Tatsache, dass ich mir und dem verängstigten Kind da hinten nicht noch mehr Schwierigkeiten als eh schon bereiten will. Ich stoße den Kerl mit viel Kraft in die Meute und blicke stinkwütend in die Menge, immer wieder in einzelne, besonders wütende Gesichter. Die Worte, die ich von mir gebe, kommen einfach von selbst, während ich versuche, diese Leute davon zu überzeugen, dass sie das falsche tun: >>Hört mir zu! Ihr alle, jeder einzelne Mann von euch! Jeder von euch hat eine Familie, oder? Jeder von euch hat jemanden, den er liebt und der ihn festhält, liege ich da richtig? Stellt euch einmal vor, ihr hättet das alles nie gehabt, ihr wärt immer allein und hilflos gewesen, nie in der Lage, einen anderen Weg einzuschlagen, als den, in den euch die anderen gedrängt haben! Der Junge stiehlt nicht, weil er das will, sondern schlicht und ergreifend, weil es keine andere Möglichkeit für ihn gibt, zu überleben! Und zwar schlicht und ergreifend aus dem Grund heraus, dass ihr Menschen es nicht versteht, dass ihr solchen Leuten keine Chance lasst, sie würden bestimmt mit Freuden arbeiten, oder denkt ihr, es wäre einfach, so zu leben? Denkt ihr, es wäre leicht, so vor sich hin zu vegetieren, geächtet vom Rest der Welt??<< Ich knurre erneut stinkwütend und hoffe, dass wenigstens ein paar dieser Leute noch so etwas wie ein Herz besitzen und verstehen werden, was ich damit meine und dass der Junge wirklich einfach keine andere Chance hatte, als sich sein Essen zu stehlen.
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Jiyu
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BeitragThema: Re: Aistus   Mo Dez 12, 2011 10:05 am

Eine kleine Sache war es jetzt, die Jiyu damals in seiner Sklavenzeit gelernt hatte, die ihm jetzt zu Gute kam: sein Sprachstudium. Die dämonischen Dialekte und die Feensprache hatte er sogar ganz offiziell lernen dürfen, um zur Unterhaltung der Gäste beizutragen. Wenn die Feensprache auch wirklich eher Belustigung war, ein kleiner Scherz, den er zum Besten geben durfte, wenn die Gesellschaft des Herren Lachen wollte. Auch wenn es nur ein eher unangenehmer hoher Trillerton war, die meisten Gäste hatten gelacht. Doch als Meister Heishin gesehen hatte, wie schnell und gerne Jiyu die Dialekte und die Feensprache gelernt hatte, brachte er ihm heimlich andere Sprachen bei. Hochelfisch, eine sehr komplizierte Sprache, genauso wie Altelfisch. Dunkelelfisch war eher rau, es fluchte und verfluchte sich gut in dieser Sprache. Sie zu verstehen, die Probleme hatte Jiyu nicht, nur das selbst sprechen hatte seine Tücken. Und er hatte einige menschliche Sprachen gelernt... und genau das kam ihm jetzt zur Hilfe. Mehr oder weniger jedenfalls. Aber so konnte er immerhin verstehen, was geschah, was da beredet wurde... Der Mann schien ihn wirklich zu verteidigen, meinte noch, dass er Hunger gehabt hätte... aber woher wusste er das? Sah Jiyu wirklich so schlimm aus? Für jemanden wie ihn, der das ganze Leben lang schön zu sein hatte, dessen Aussehen sozusagen die einzige Arbeitsgrundlage war, ein regelrechter Schock. Denn etwas anderes als sein feines Äußeres hatte er doch nicht... viele fanden ihn süß, sehr viele Gäste des Herren und der Herr selbst fanden die schlanke, leicht androgyne Gestalt des Nagas sogar anziehend. Wie oft hatte er schon gehört, dass er hübsch war? Und man hatte ihn nie so schlagen dürfen, dass er bleibende, entstellende Narben im Gesicht behielt. Er hatte doch nur sein Aussehen, der einzige Grund, weshalb der Herr ihn so lange behalten hatte und weshalb er letztlich sein Lieblingssklave gewesen war. Weshalb er ihn so oft in den Betten gehabt hatte, weshalb er ihn immer wichtigen Gästen Nachts zur Gesellschaft überließ. Und wenn er seine Aufgabe gut gemacht hatte, dann... ging es ihm für ein paar Tage oder sogar ein paar Wochen vergleichsweise gut. Er bekam gutes Essen, ein sehr warmes Zimmer, durfte viel raus und bekam auch neue Kleidung, nicht selten aus feinen Stoffen. Auch wenn es hieß, dass er in diesen neuen Kleidern seinem Herren nachts Freude zu bereiten hatte.
Jetzt trug er nur eine mehr oder weniger dreckige Yukata, aus war es mit der relativ feinen Kleidung und jetzt war es wohl aus mit seinem Leben... oder nicht? Der Mann verteidigte ihn wirklich, meinte, dass es nicht gerecht wäre, ein Kind zum Krüppel zu schlagen. Nun, technisch gesehen war Jiyu schon erwachsen, aber seelisch war er wohl wirklich noch ein Kind. Er hörte allerdings weiter zu, was der Mann sagte, auch wenn er Angst hatte und beinahe gelähmt war. Er spürte das Blut an sich herunter laufen, seine Beine schrien ihn an, was er sich dabei gedacht hatte, aber er hörte zu und erstaunte mit jedem Wort mehr. Woher wusste der Mann so viel über ihn? War er vielleicht... sollte er Jiyu am Ende zurück zu seinem Herren bringen? War er nur ein Häscher? Aber dann würde er doch nicht so über ihn sprechen, oder? Und es stimmte ja... der Naga hatte nie wirklich Familie gehabt. Er hatte Meister Heishin gehabt, aber... Jiyu zog wieder scharf die Luft zwischen die Zähne und wimmerte leise, als der Schmerz in seiner Seite schlimmer wurde.
„Was zum Teufel soll das? Lass uns vorbei, du Bestie! Stelle dich dem Gesetz nicht in den Weg! Hau ab!“ Der Händler war immer noch wütend, stemmte sich gegen die Hand von Raoul, doch in manche Gesichter schlich sich Erkenntnis. In andere eher die Angst... Denn manch einer erkannte, was Raoul war. Ob an den Knurren oder dem allgemeinen Gebaren, der Größe, woran auch immer, manch einer erkannte die Natur des Werwolfs. Und diese waren die ersten, die zurückwichen. Andere nahmen wohl Vernunft an, der kleine Bursche, der nur ein bisschen Essen geklaut hatte, war es nicht wert, sich mit diesem Schrank anzulegen. Ein oder zwei hatten Mitleid. Und einer zog den Händler auch von dem Werwolf weg. „Lass gut sein, bringt doch nichts. Ich reparier dir dafür deine Zimmerwand. Mach keinen Mist, der Kerl bricht dir noch das Genick. Das ist dieser Drecksdieb auch nicht wert, machen wir ne Biege“ Murrend, grummelnd und deutliche Flüche spuckend zog auch der Händler wieder ab, nicht ohne einen warnenden Blick auf Raoul zu werfen. Jiyu hatte alles mit angehört, er war immer noch verwirrt. Warum half der Mann ihm? Wollte er ihn als seinen neuen Sklaven? Jiyu konnte ihm im Moment nicht gut zu Diensten sein... auch wenn er gelernt hatte, seine körperliche Verfassung zu verstecken. Doch er blieb noch immer in der Ecke kauern, ihm war kalt, er hatte Hunger wie ein Wolf und er war verletzt. Aber er blieb da hocken....
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Raoul
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BeitragThema: Re: Aistus   Di Dez 13, 2011 5:22 am

Ich packe den Kerl am Kragen, als er mich als Bestie bezeichnet, dann gehe ich langsam mit dem Gesicht zu ihm runter, bis meine Nase nur Zentimeter von seiner entfernt ist. Ich bin langsam richtig stinkig und angepisst und zeige das auch ganz deutlich. Ich habe nicht mehr zugelassen, dass man mich als Bestie bezeichnet, seit Sylven mir gesagt hat, dass ich immer noch seelisch ein Mensch bin, selbst, wenn ich mittlerweile ein bisschen anders als vorher bin. Ich knurre relativ leise und dann zische ich dem Kerl zu: >>Nenn mich noch ein einziges mal Bestie, und du hast deinen Kopf schneller verloren, als deine Freunde meine Krallen an deinem Hals gesehen haben.....<< Ich packe noch etwas fester zu und blicke dem Kerl direkt in die Augen, dann werden meine Augen bernsteingelb, die Pupille wird zu einem schwarzen Schlitz und man sieht die Mordlust, die ich grade verspüre, in den Augen wiedergespiegelt. Langsam wachsen mir an der rechten Hand, mit der ich den Kerl am Kragen gepackt halte, die langen, spitzen Werwolfkrallen und Fell verteilt sich langsam über dem Handrücken. Mein Geruchssinn schärft sich langsam und ich merke, dass die meisten der Meute sich wieder beruhigen und langsam von dem Scheiß abkommen. Ich knurre noch einmal, aber nehme wieder ganz menschliche Gestalt an, ehe einer der anderen den Kerl zurückzieht und ihm sagt, dass der Junge es auch nicht wert wäre, sich deswegen mit mir anzulegen und dass ich dem Kerl noch das Genick brechen würde, wenn er so weiter macht. Mit letzterem hat der Kerl sogar recht, aber dass er den Jungen als Drecksdieb bezeichnet, gefällt mir überhaupt nicht. Ich atme einmal tief durch, um den Kerl nicht gleich umzubringen und knurre schließlich einmal. >>Nur so zur Info, der Junge ist kein Drecksdieb, ihr seid nur verdammte Arschlöcher, die ihm keine Perspektive bieten, so wie mir und meinesgleichen auch.<< Ich warte, bis die Typen wirklich abgezogen sind und keine Gefahr mehr besteht, dass sie am Ende noch auf mich los gehen, wenn ich mich umgedreht habe, dann gehe ich langsam zu der Gasse, aus der der Kupfergeruch des Blutes strömt. Ich vermute, dass der Junge es nicht mehr lang geschafft hat, so fertig, wie er ist.
Ich blicke um die Ecke und sehe, wie der Junge in der Ecke der Sackgasse zusammengekauert da sitzt, er riecht nach panischer Angst und ich kann ihn auch irgendwie verstehen, schließlich hätten diese Kerle ihn umgebracht, wäre ich ihnen nicht einfach in den Weg getreten, um sie aufzuhalten. Ich seufze und gehe meine Tasche holen, ehe ich wieder zu der Gasse gehe, meinen einzigen Teller auspacke, darauf ein großes Stück Schinken, einige Scheiben Brot und einen großen Becher mit Wasser stelle, daneben lege ich meinen Mantel und ein sauberes Tuch darauf. >>Die Verpflegung ist geschenkt, das Tuch auch, und den Mantel leih ich dir. Muss ja kalt sein da drin, Kleiner. Stopp die Blutung mit dem Tuch, sonst verreckst du noch am Ende.<< Ich lächle schwach, dann gehe ich langsam auf Abstand, bis ich fünfzig Meter entfernt bin, dann setze ich mich hin und hole mir ein Stück Holz und mein Messer aus meiner Tasche und beginne, zu schnitzen. Ich habe mich an eine Wand gelehnt, damit sich keiner von hinten an mich ranschleichen kann, um mir einen Dolch in den Rücken zu rammen. Ich warte einfach dort und beobachte den Eingang der Gasse, es bleibt die Entscheidung des Jungen, ob der das Essen nimmt oder ob er lieber auf Abstand bleibt und verhungert, ich bin extra hier hin gegangen, damit es ihm nicht ganz so schwer fällt, da hin zu gehen und sich das Zeug zu holen, das ich ihm hingestellt habe. Der Junge tut mir einfach nur furchtbar leid und ich mache mir Sorgen um ihn, weil er so dürr und abgemagert war, ich hoffe, dass er die Wunde übersteht und auch wieder zu Kräften kommt, wenn er nur regelmäßig ordentliche Nahrung zwischen die Kiemen bekommt. Ich kenne dieses Kind zwar kein Stück, aber irgendwie fühle ich mich verantwortlich für ihn, weil er ja schließlich von mir auch gerettet wurde und es nichts bringt, jemandem das Leben zu retten, nur, um ihn dann verhungern und sterben zu lassen. Ihm den Hals zu retten ist nur dann wirklich das, wenn man ihn danach auch wieder aufpäppelt, damit er Überlebenschancen hat. Wenn er später mit mir kommen will, dann werde ich der letzte sein, es ihm zu verwehren, er braucht schließlich auch einen Ort, an den er hin kann und so lange, bis er den gefunden hat, werde ich auf ihn aufpassen, wenn er das will und akzeptiert.
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Jiyu
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BeitragThema: Re: Aistus   Di Dez 13, 2011 11:01 am

Für einen kurzen Moment stand die nackte Todesangst in den Augen des Händlers, als Raoul ihn am Kragen packte und ihm diese Drohung zu zischte. Man sah ihm auch an, dass er heilfroh war, dass der Werwolf ihn dann schließlich los lies, alleine auch deswegen, weil Raoul sich halb verwandelt hatte. Die Gerüchte, die man über Werwölfe hörte, waren alle nicht besonders schmeichelhaft für diese Rasse, meistens ging es um Mord und Totschlag, grausam entstellte oder gar nicht gefundene Leichen. Und der Händler hatte wohl genau diese Gerüchte gehört, weshalb er auch wirklich die Beine in die Hand nahm. Auf den letzten Kommentar von Raoul drehte der andere Kerl sich nur noch mal kurz um, schüttelte dann aber mit dem Kopf und verschwand wie alle anderen. In ihren Augen war Jiyu immer noch nur ein kleiner Dieb, wozu so einem Hungerhaken eine Perspektive bieten? Der Bursche sah nicht so aus, als könne er arbeiten oder sonst was...
Jiyu hatte alles mitangehört und er war zu gleichen Teilen verstört wie verwirrt. Die große Frage, die in seinem Kopf auftauchte, war: Warum half dieser Mann, den die Menschen als Bestie beschimpft hatten, ihm eigentlich? Er kannte ihn nicht und wie es schien, war er auch kein Häscher seines Herren. Sonst hätte er Jiyu einfach festgehalten und ihn mit sich gezogen, wieder in die Hölle zu seinem Herren. Er hatte sein Brandmal ja auch noch... hieß das nicht, dass sein Herr jederzeit noch Macht über ihn ausüben konnte? Jiyu hatte Angst davor, dass sein Herr ihn wieder zu sich holen würde, nachdem er seine Strafe hier verbüßt hatte... vielleicht tat er es ja eines Tages wieder. Vielleicht quälte er ihn nur solange, bis Jiyu fast tot war. Und dann... der Naga zitterte wieder, Tränen stiegen ihm in die Augen und er schluchzte. Es war still geworden... Dann erschien eine Silouette im Eingang der Gasse und Jiyu zuckte erschrocken zusammen. Der Mann, der ihn vor der Meute beschützt hatte stand da... Waren seine Befürchtungen vielleicht doch wahr geworden? Wollte er ihn doch zu seinem Sklaven? Dabei... konnte Jiyu doch gar nichts im Moment... er sah wahrscheinlich furchtbar aus zur Zeit, er war verletzt... Vielleicht würde er ihn töten, wenn er rauskriegte, dass Jiyu ihm mit nichts dienen konnte? Aber er ging... um nur wenig später wieder zu kommen und ihm einiges hin zu stellen. Als er wieder zu sprechen anfing, weiteten sich die Augen des Nagas wieder. Dann war er überrascht... das Essen und der Rest, das sollte einfach so für ihn sein? Sicher, er hatte tierischen Hunger, aber... warum bekam er jetzt einfach so was zu essen? Und dann noch einen Mantel und etwas, um die Wunde abzudecken? Er war verwirrt und ängstlich, drückte sich an die Mauer und wusste nicht, was er davon halten würde... besonders, als der Mann einfach wieder ging... Eine volle halbe Stunde hockte er noch da und überlegte. Das Essen war nicht vergiftet, denn ein paar Ratten näherten sich allmählich und er hörte sie darüber reden. Wollte er ihn vielleicht nur aufpäppeln, um ihn dann mit zu nehmen und doch zu seinem Sklaven zu machen? Bekam er vielleicht ein neues Brandzeichen? Aber der Geruch war einfach zu verführerisch... Jiyus Magen knurrte laut auf und auch, wenn er kaum laufen konnte wegen seiner Seite, schwankend stand er auf und schleppte sich vor zu dem Teller, vor dem er wieder auf die Knie fiel. Er aß recht hastig, zuerst den Schinken, dann das Brot und das Wasser trank er ganz zum Schluss. Dann jedoch lehnte er zitternd an der Wand... sein Hunger war zwar gestillt, aber die Wunde war schlimmer geworden, es blutete stark und auch, wenn sich das Tuch auf die Wunde drückte, es war im Nu blutdurchtränkt und Jiyu glaubte irgendwie, dass das seine Henkersmahlzeit gewesen war. Er war zu schwach, um nochmal aufzustehen, rutschte nur ein wenig zurück, um nicht gleich gesehen zu werden. Aber wieder stöhnte er schmerzerfüllt auf, die Kälte machte es nicht besser und er war sogar schon zu schwach, um den Mantel aufzuheben. Wenn er sich nicht an die Wand lehnen könnte, würde er nicht mal aufrecht sitzen können. Er wimmerte leise, mit Tränen in den Augen sah er zum Himmel hoch. Auch wenn er wenigstens etwas hatte essen können... es hatte nichts gebracht. Er schluckte hart und wieder liefen ihm Tränen übers Gesicht. „Meister... Heishin... Es tut mir so leid... ich wollte das alles nicht...“ Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Wispern, es könnte genauso gut die Ratte neben ihm gefiept haben.
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BeitragThema: Re: Aistus   Mi Dez 14, 2011 7:19 am

Ich hebe eine Augenbraue, als ich sehe, wie sich die Augen des Jungen weiten, er scheint wirklich Angst vor mir zu haben, jedenfalls riecht er auch danach, aber das kann ich eigentlich schon verstehen. Dieser Junge wurde eben noch von einer wütenden Meute durch das Dorf gejagt, kein Wunder, dass er durcheinander und ängstlich ist, in seiner Situation wäre ich nicht anders, ich kann ihn ja verstehen, auch, wenn es mich traurig stimmt, dass er mich fürchtet. Ich seufze und lächle ins dunkel, ich kann ihn durchaus sehen, trotz des Dämmerlichts, wozu hat man schließlich so verdammt gute Augen wie ich in dem Fall. Irgendwelche Vorteile muss es ja haben, wenn man ein Werwolf ist, wenn auch kaum, und das ist ganz sicher einer. Ich seufze, ehe ich langsam zurück gehe, der Junge soll keine Angst von mir haben, ich will ihn an mich gewöhnen, aber das wird wohl fast so schwer werden wie bei einem verletzten Tier. Er hat auch Angst wie ein wildes Tier, das sich vor den Menschen fürchtet, weil die mit Feuer und Waffen kommen. Eigentlich ist er ziemlich exakt wie ein Wesen aus der Wildnis, das man einfach an sich gewöhnen und dem man zeigen muss, dass man nicht so gefährlich und bedrohlich ist, wie man vielleicht wirken mag. Das dürfte nicht unbedingt einfach werden, aber ich hab das schon bei ganz anderen geschafft, die einfach nur noch Angst hatten, den meisten musste ich nur kurz helfen, aber ich denke mal, bei diesem Jungen wird es länger dauern, ihn kann man nicht einfach in ein Waisenhaus geben, es wird lange genug dauern, ihn an mich zu gewöhnen, ihn dann an andere Menschen zu gewöhnen, wäre Folter und tut nun wirklich nicht Not. Ich bin ja schon froh, wenn ich es schaffe, den Jungen an mich zu gewöhnen und ihm dann langsam wieder auf die Beine zu helfen, denn einfach wird dieser Junge bestimmt nicht, er ist scheuer und ängstlicher als die andern drei Waisen, die ich zum Waisenhaus gebracht hatte, nachdem sie entweder versucht hatten, mich zu beklauen, oder beim Klauen erwischt worden waren. Ich blicke dem Jungen noch einmal in die Augen und lächle so sanft es mir eben möglich ist. >>Hab keine Angst. Nicht vor mir.<< Dann gehe ich auf Abstand, einfach, um ihm die Möglichkeit zu geben, an das Essen zu gehen, ohne in meine Nähe zu müssen, schließlich verstehe ich seine Furcht. Es ist die Selbe Angst, die ich vor Menschen verspüre und ich bin wohl der allerletzte, der ihm dafür Vorwürfe machen würde, so viel ist klar. Ich beobachte den Eingang der Gasse zwar, aber nur für den Fall, dass es dem Jungen nicht gut geht, schließlich hat die Wunde doch schon recht stark geblutet und es könnte sein, dass er einfach zu viel Blut verloren hat, um sich noch groß zu bewegen, wundern würde es mich nicht und allein dafür könnte ich jedem der Kerle, die ihn verfolgt haben, den Hals umdrehen und das verfluchte Genick brechen. Ich fühle mit dem Jungen und ich kann seine Angst, seinen Hunger und auch seine Handlungen verstehen, die ersten Wochen, nachdem ich von meinem Heimatdorf verschwunden war, ernährte ich mich nicht anders, ich hatte gestohlen, um zu überleben, allein will ich diesem Jungen helfen, das alles zu überstehen und wieder verflucht nochmal auf die Beine zu kommen. Ich mache mir einfach Sorgen um ihn, sowohl wegen der körperlichen, als auch wegen der geistigen Verfassung und ich denke, dass er dringend Hilfe braucht, von jemandem, der das verstehen, nachfühlen und dabei helfen kann.
Dann kommt der kleine aus der Gasse, es hat ja lange genug gedauert, gut sieht er wirklich nicht aus, ich mache mir ein bisschen Sorgen, weil er so schwer geblutet hat und sich kaum noch auf den Beinen halten zu können scheint, es könnte sein, dass das Essen auch einfach zu spät kommt und er verhungert, ehe die Verdauung einsetzt, auch das wäre wohl mehr oder minder suboptimal, denke ich mal. Der Kleine isst, als hätte er tagelang, vielleicht länger, keinen Bissen zu sich genommen und ich kann verstehen, warum er das alles so runter schlingt, ich selbst habe manchmal auch so Hunger, und selbst, wenn ich es dann nicht so schlinge, tue ich das doch nur, damit es nicht am Ende einfach zu viel war. Dann lehnt der Junge sich gegen die Wand, versucht wohl auch, die Blutung zu stoppen, aber es scheint nichts zu bringen. Sein Schweiß riecht gar nicht gut, der Junge riecht nach blanker Todesangst und so langsam denke ich auch, dass die nicht so unbegründet ist, dem Kleinen geht es einfach nur mies und ich würde mir ehrlich gesagt nicht verzeihen, sollte er sterben, jetzt, wo ich ihm doch gerade erst den Hals gerettet habe, denn so hätte ich sein Leiden nur verlängert und nichts an seinem Schicksal verändert, eine Bürde, die ich nicht tragen müssen will. Allein deswegen stehe ich auf und gehe langsam zu dem Jungen, die Hände halte ich so, dass er sehen kann, dass ich keine Waffe trage, das Messer habe ich vorher weg gesteckt. Ich gehe langsam neben ihm in die Hocke und streiche ihm vorsichtig durchs Haar, ich habe gehört, wie er etwas gemurmelt hat, aber ich habe ihn nicht verstanden, er war dadurch, dass ihn das alles so geschwächt hat, viel zu leise. Jedoch habe ich zumindest das erste mal seine Stimme gehört, eine schöne Stimme, mit der er sich vielleicht auch irgendwann selbstständig sein Brot verdienen kann, wenn ich ihm auf die Beine geholfen und dafür gesorgt habe, dass er seine Angst und den garantiert vorhandenen Mangel an Selbstvertrauen abgelegt hat. Ich verziehe keine Miene, während ich dem Jungen in die Augen blicke, was zwar herzlos wirken mag, aber nicht so gemeint ist. >>Ich werde jetzt deine Wunde versorgen und dafür sorgen, dass du nicht stirbst. Ich tue mein bestes, um deine Schmerzen nicht zu verschlimmern und ich werde mich hüten, dich noch weiter zu verletzen, also hab bitte keine Angst. Ich tue dir nichts und bin wirklich der letzte, vor dem du dich in dieser Stadt fürchten musst. Mein Name lautet Raoul, und deiner?<< Ohne eine Antwort abzuwarten, ziehe ich vorsichtig die Hand des Jungen von der Wunde, ich versuche wirklich, ihm nicht noch mehr zu tun, aber ich weiß auch, dass es ganz ohne Schmerzen nicht gehen wird, im Gegenteil, das Reinigen sogar verdammt weh tun wird. Aber bevor ich die Wunde säubern kann, damit der Junge sich keine Krankheiten einfängt, muss diese Blutung gestoppt werden, sonst überlebt er das alles nichts. Ich seufze, ich hatte nur noch ein Tuch und das ist nun schon blutdurchtränkt, also womit soll ich die Wunde bedecken, um Druck darauf auszuüben. Ich blicke kurz ratlos umher, bis mir eine Idee kommt und ich mein Hemd ausziehe, ich zögere keinen Moment, es mit voller Kraft auf die stark blutende Wunde zu pressen, ich weiß, dass das dem Jungen weh tun muss, aber er hat keine andere Chance, zu überleben, er hat schon zu viel Blut verloren und muss wirklich dringend versorgt werden, bevor es noch mehr wird.
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BeitragThema: Re: Aistus   Do Dez 15, 2011 2:55 am

Jiyu wusste nicht, ob es so was wie ein Leben nach dem Tod gab. Unter Dämonen war es nicht unbedingt üblich, dass man an ein Paradies glaubte, was vielleicht auch damit zusammenhing, dass sie sich mit den Engeln nicht verstanden. Selbst sein Meister Heishin hatte das eine oder andere abfällige Wort über die Boten der Götter verloren. Er war trotz aller Freundlichkeit Jiyu gegenüber schließlich immer noch ein Dämon, es war nur natürlich, dass er nicht so viel von Engeln hielt. Umso mehr schien er von Jiyu gehalten zu haben... eine Zuneigung, die er schlussendlich mit dem Leben bezahlte. Jiyu hatte ihm vertraut, er wäre ihm überall hin gefolgt und er hätte alles getan, was sein Meister von ihm verlangt hätte. Er war ihm gegenüber loyaler gewesen als seinem Herren. Und er hatte es mit seinem Rausschmiss bezahlt. Nach der Verzweiflung, der Trauer und dem tiefen Schmerz kamen jetzt seine Schuldgefühle. Er war Schuld, dass es so geendet hatte, wäre er nicht gewesen, würde Meister Heishin noch leben, wenn er einfach nur getan hätte, was man ihm erlaubt hatte, wenn er sich einfach an die Gesetze seines Herren gehalten hätte... Warum war er so verflucht neugierig gewesen, warum hatte er sich auch auf das alles eingelassen? Er hätte sich doch einfach weigern können... nein, hätte er nicht. Er war zu absolutem Gehorsam erzogen worden und er hatte zu tun, was man ihm befahl. Und das war am Ende ihrer beider Verderben gewesen. Es tat Jiyu wirklich so Leid, er wollte nichts mehr, als das sein Lehrmeister ihm verzeihen könnte. Sie hatten sich nach der Urteilsverkündung ihres Herren nicht mehr gesehen, erst, als man Jiyu gezwungen hatte, bei der Enthauptung seines Lehrmeisters zuzusehen. Und da hatte Heishin ihn nicht angesehen, hatte einfach nur stolz und mit aufrechtem Gang seine Strafe angetreten. Jiyu wusste nicht, ob er ihm verziehen hatte und diese Ungewissheit machte ihn fertig.
Wollte er denn überhaupt noch leben? Wozu hatte er denn die letzten Tage durchgehalten? War er so feige, dass er sogar den Freitod fürchtete? Es musste wohl so sein... aber jetzt würde er ohnehin das Zeitliche segnen. Es war vorbei mit ihm... er schloss einen Moment lang die Augen, spürte die Tränen seine Wangen runter laufen, bis er hörte, wie die Ratten neben ihm davon stoben. Sofort öffneten sich seine Augen wieder und als er den Mann, der ihm vorhin geholfen hatte, auf sich zukommen sah, fing er wieder an zu zittern. Was wollte er? Warum kam er wieder zu ihm, war... wollte er ihm jetzt doch einfach nur noch den Gnadenstoß verpassen? Oder ihn in seine Knechtschaft holen? Jiyu presste sich regelrecht an die Mauer, als der Mann immer näher kam und sich schließlich neben ihn hockte. Er war riesig und mindestens doppelt so breit wie Jiyu... in seiner momentanen körperlichen Verfassung kein Wunder. Als er die Hand hob, zuckte der junge Naga wieder zusammen, er kannte diese Bewegung nur zu gut, wimmernd wartete er nur auf den unweigerlich kommenden Schlag. Doch stattdessen fühlte er plötzlich eine Hand, die ihm sanft durch die Haare strich. Vollkommen durcheinander sah er wieder auf und direkt dem großen Mann in die Augen. Für einen Moment vergaß er die erste Regel, nach der er immer gelebt hatte: Siehe niemals jemandem in die Augen oder sie werden dir ausgebrannt. Er zitterte immer noch und er brauchte einige Augenblicke, bis er verstand, was der Fremde ihn gefragt hatte. Diese Augenblicke reichten, dass Jiyu sich im Blitztempo bewusst wurde, was er tat und dass der Fremde versuchte die Blutung zu stoppen. Er biss sich auf die Unterlippe und am liebsten hätte er vor Schmerzen geschrien. Aber in seinem Leben als Sklave hatte er gelernt, seine Gefühle nicht wirklich zu zeigen. Es war schon das höchste, dass er das Gesicht verzog und sich auch wieder an die Regeln seines Skalvendaseins erinnerte. Er hatte nach diesen Momenten auch sehr hastig den Blick wieder abgewandt und zu Boden gerichtet. Auf die Frage antwortete er stotternd, leise und seine Stimme brach fast. Nur die Erinnerung an seine Gesangsstunden und die dort gelehrten Atemtechniken ließen ihn jetzt überhaupt noch sprechen. „Da... ich... ich meine, Jiyu, Herr“ Beinahe hätte er sich mit seinem alten Namen vorgestellt... weniger ein Name als viel mehr ein Wort, mit dem man ihn angesprochen hatte. „Herr, Ihr... ich bin das nicht wert, Herr.... was... was wollt Ihr von mir?“ Er hatte Angst, natürlich hatte er Angst. Jiyu wusste, dass er sich in seiner Nagagestalt selbst regenerierte, innerhalb von Minuten wäre die Wunde verschwunden. Aber man hatte ihm streng verboten, sich zu wandeln, wenn er Verletzungen hatte. Um ihn mit dem Heilungsprozess doppelt zu strafen. Und im Moment war er ohnehin zu schwach, um sich zu wandeln... aber er fragte sich, warum der Fremde namens Raoul sich um ihn kümmerte? Man hatte sich ja immer nur um ihn gekümmert, damit er schnell wieder auf die Beine kam und wieder dem Herren zu Diensten sein konnte. Wollte Raoul genau das erreichen?
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BeitragThema: Re: Aistus   Sa Dez 17, 2011 1:37 am

Ich spüre, wie meine Augenbraue zuckt, als der Junge anfängt, zu zittern, weil er mich sieht. Ich will ihm ja wirklich keine Angst machen, aber manchmal geht das einfach nicht, ich kann jetzt nicht so langsam und vorsichtig auf ihn zugehen, wie ich das vorhatte, ich kann jetzt keine Rücksicht auf seinen seelischen Zustand nehmen, so leid es mir tut. Aber jetzt muss ich wirklich so wie mein ehemaliger Lehrmeister handeln und den Jungen versorgen, egal, wie sehr er mich fürchtet und egal, wie er sich in meiner Anwesenheit fühlt. Ich weiß ja, wie schwer es ist, jemandem zu vertrauen, wenn man Angst hat, halbverhungert ist und zu allem Überfluss noch ein ordentliches Problem mit den Einwohnern der Stadt, in der man sich befindet, hat. Aber auf das alles darf ich einfach nicht achten, wenn ich dem Jungen jetzt noch helfen will, es geht jetzt nicht darum, ihm keine Angst zu machen, sondern in erster Linie darum, ihn am Leben zu erhalten und dafür zu sorgen, dass er wieder auf die Beine kommt. Ich setze ganz langsam einen Fuß vor den anderen, um wenigstens nicht ganz so aggressiv zu wirken und ihm nicht solche Angst vor mir zu machen. Ich will eigentlich zu ihm rennen so schnell ich kann und ihm helfen, aber ich fürchte, dass durch die Angst sein Herz dann viel zu schnell schlagen und er sogar noch mehr Blut als so schon verlieren würde. Ich gehe auch recht langsam neben ihm in der Hocke, jedoch nicht zögerlich, die Hand hebe ich auch wirklich langsam, um ihm einfach zu zeigen, dass ich ihm nicht weh tun will und ihm einfach nur helfen will und das auch kann, wenn er das zulässt. Ich behandle ihn einfach ein bisschen wie ein ängstliches, wildes Tier, das bei jeder hektischen Bewegung nur noch mehr Angst bekommt, und das ist schließlich das, was man verhindern möchte, weswegen ich einfach erst einmal versuche, ihn vertraut mit mir zu machen und ihm klar zu machen, dass ich wirklich nur helfen und ihm nicht weh tun möchte. Sein Haar fühlt sich leicht strohig an, ich kann mir vorstellen, dass es mal glatt und glänzend war, aber jetzt ist es ungewaschen und zerzaust wie das Fell der Straßenköter. Während ich seine Hand weg ziehe, spüre ich kaum einen Widerstand, die Wunde muss das Kind wirklich sehr schwächen, aber etwas anderes habe ich auch nicht wirklich erwartet, sie ist, wenn ich sie mir so betrachte, tief und wirklich gefährlich, wahrscheinlich auch furchtbar schmerzhaft, ich kann verstehen, warum dem kleinen die Kraft fehlt, sich noch wirklich zu bewegen und dass er einfach jetzt zu fertig ist, um noch groß etwas zu tun. Es ist in so einer Situation recht selbstverständlich, dass ich einfach mein Hemd nehme, um die Blutung zu stoppen, ich hab einfach nichts anderes dafür, weil er die Verbände noch später brauchen wird, wenn ich die Blutung gestoppt und die Wunde gereinigt habe, diese Verletzung muss einfach verbunden werden, schon allein, damit sich nichts infizieren und entzünden kann. Klar werde ich da auch noch anders gegenwirken, aber es ist immer besser, wenn man eine Wunde abdeckt, das habe ich während meiner Ausbildung gelernt und nie wieder vergessen.
Die Stimme des Jungen klingt schwach, als er mir seinen Namen sagt, sie ist für einen Menschen wahrscheinlich kaum verständlich, aber meine Wolfsohren reagieren schließlich schon auf das kleinste Geräusch sehr empfindlich. Er scheint sich erst mit einem Namen vorstellen zu wollen, sagt dann aber einen anderen, wahrscheinlich will er, wie ich, nicht an das, was passiert ist, erinnert werden, und ich will gar nicht wissen, was das war, wenn der Junge drüber reden will, kann er es mir später erzählen. Wenn er seinen alten Namen nicht behalten will, dann ist das seine Sache, ich habe meinen Geburtsnamen schließlich auch nicht behalten, sondern einen neuen angenommen, als ich gegangen war. >>Ein schöner Name, Jiyu. Und ich sage es nochmal, fürchte dich nicht vor mir, die, vor denen du dich fürchten musst, sind die anderen, die, die dich gejagt haben, das habe ich nicht vor.<< Ich versuche nicht einmal, zu lächeln, ich weiß, dass meine Momentane Wut auf dieses ganze, verfluchte Dorf dieses Lächeln zu einer unschönen Grimasse der Mordlust verzerren würde, also lieber eine ernste, ausdruckslose Miene behalten, die wenigstens nicht so furchteinflößend wie dieses schreckliche Lächeln ist, das ich einmal im Spiegel sehen musste. Dann flüstert Jiyu, dass er das nicht wert sei und fragt, was ich von ihm wolle. Ich lege die freie Hand unter sein Kinn und drehe seinen Kopf so, dass er mir in die Augen blicken muss und keine andere Wahl hat, das tue ich nicht gerne, aber ich hasse es, wenn Leute behaupten, sie seien etwas nicht wert. Und Jiyu scheint nicht dumm zu sein, er scheint auch nicht grausam oder wie ein Arschloch, sondern einfach wie ein ängstliches, kleines Kind, das all das, was es hier grade erlebt, nicht verstehen kann, weil ihm nie jemand erklärt hat, wie das alles ist, ich erinnere mich daran, wie fertig ich gewesen war, als ich zum Werwolf geworden war und dass ich selbst mal gesagt hatte, ich wäre es nicht wert, dass man mir half, bis ich wieder auf den Beinen war. Mein ehemaliger Ausbilder hatte mir eine Ohrfeige gegeben, die sich gewaschen hatte, und gesagt, dass jemand, der so mutig und selbstlos gekämpft hätte, es immer wert sei, dass man ihm half. Und so ist es auch dieser Junge, er hat zwar nicht mit einem Lebewesen gekämpft, aber mit all den Faktoren, die ihn in den Tod hätten ziehen können, und das ist etwas, das nicht jeder schafft, viele können das einfach nicht und geben lieber auf, anders Jiyu, er hat mit dem Tode gerungen und wie ich denke auch gewonnen, er liegt noch nicht im Sterben, das kann ich sehen. >>Sage nie, wirklich niemals wieder, dass du etwas nicht wert seist. Du bist ein intelligenter kleiner Bursche und jeder, der noch bereit ist, zu Leben, ist es auch wert, dass man sein Leben rettet. Ich weiß, das mag seltsam für dich klingen, aber egal, was du bist, ganz egal, was für einen Stand du in der Gesellschaft hast, du bist es genauso wert wie ein Edelmann, dass man dein Leben rettet, du bist ein denkendes, beseeltes, fühlendes Wesen und deswegen bist du es auch wert, zu überleben, Jiyu. Ach übrigens: Ich will gar nichts von dir. Ich will dir einfach nur helfen, du bist in Schwierigkeiten und niemand sonst reicht dir die Hand, also muss ja wohl ich ran, damit du überhaupt überleben kannst, du hast es verdient, dass man dir so was wie ein Leben ermöglicht. Wenn ich dir in die Augen sehe, dann sehe ich eine wunderbare Person, die ihr Leben noch vor sich hat und nur ein bisschen Hilfe braucht. Ich will nichts weiter, als dir diese zu bieten, Jiyu, bitte vertrau mir.<< Mit diesen Worten lasse ich das Kinn des Jungen los, damit er wieder weg sehen kann, wenn er das will, und nehme die Hand mit meinem Hemd von der Wunde, um zu überprüfen, ob ich es geschafft habe, die Blutung zu stoppen, wonach es auch wirklich aussieht. Ich mache meine Tasche wieder auf und hole eine große Flasche Zwergenschnaps raus, ich weiß, dass das Zeug nur aus Alkohol und Wasser besteht, sprich es dem Jungen in keinem Fall schaden wird, wenn ich es über die Wunde kippe, sondern im Gegenteil die Wunde reinigen und seine Überlebenschancen erhöhen wird. Ich überprüfe nochmal, ob die Flasche auch wirklich noch kein mal geöffnet wurde, weil ich weiß, dass mein Speichel alles andere als gut für Wunden ist und vielleicht eine Entzündung hervorrufen würde, was ich ja genau verhindern will. Dann ziehe ich den Korken aus der Flasche und blicke den Jungen nochmal kurz an. >>Beiß die Zähne zusammen, das hier wird gleich höllisch weh tun, aber es wird verhindern, dass deine Wunde sich entzündet und sie reinigen.<< Ich warte einige Momente, damit der Junge auch wirklich die Zähne zusammenbeißen kann und sich ein bisschen auf die Schmerzen vorbereiten kann, dann kippe ich vorsichtig etwas von der scharf riechenden Flüssigkeit über die Wunde, nicht viel, damit es nicht unnötig weh tut, aber natürlich weiß ich, dass es so oder so schon so stark schmerzen wird, dass ein erwachsener Mann schmerzgepeinigt aufschreien würde. Es ist mir nicht grade recht, dem Jungen so weh tun zu müssen, aber ich weiß, dass ich ja wohl kaum was anderes tun könnte, um ihm zu helfen, als die Wunde zu reinigen und zu verbinden.
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BeitragThema: Re: Aistus   Mo Dez 19, 2011 12:42 am

Jiyu musste in seinem momentanen Zustand wirklich furchtbar aussehen, abgemagert, ziemlich schmutzig und seine Haare mussten im Moment aussehen wie das Fell eines streunenden Tieres. Für jemanden wie ihn, der sein ganzes Leben lang auf sein Aussehen zu achten hatte, weil es das Einzige war, dass ihm sein Leben im Palast seines Herren garantiert hatte, war das eine Katastrophe. Meister Heishin hatte ihm erzählt, dass er für seinen Herren ein Sammlerstück war. Er gehörte einer eher seltenen Rasse an, Nagas gab es nicht mehr viele in der Welt. Und der Herr hatte sich manch seltene Rasse zum Vergnügen gehalten, einige der Konkubinen und Lustsklaven waren seltenen Rassen zugehörig. Da Jiyu ein Naga war, eine Rasse, die nicht nur selten, sondern auch zurückgezogen lebte, war er ein Prunkstück in der Sammlung seines Herren gewesen, oft hatte er sich vor Gästen in seiner Nagagestalt zeigen müssen. Sein Körper war wertvoll gewesen, das hatte man Jiyu oft genug gesagt – und zerstört hatte man ihn dennoch immer wieder. Man hatte ihn in einem Käfig gehalten, der nicht mal wirklich golden war. Man hatte ihn immer wieder auf die eine oder andere Art missbraucht und gequält, es war kein Wunder, dass er in seinem ganzen Leben fast ausschließlich in Angst gelebt hatte und auch jetzt eine Heidenangst vor der großen, freien Welt hatte.
Raoul sagte ihm zwar nochmal, dass er ihn nicht zu fürchten hatte, aber das war leichter gesagt als getan. Immerhin war der Mann um einiges größer als Jiyu, wesentlich kräftiger und er hatte schließlich die gesamte Meute im Alleingang verjagt. Selbst die ganzen Leute hatten Angst vor ihm gehabt und waren verschwunden. Andererseits hatte er Jiyu etwas zu essen gegeben und er hatte die Meute ja vertrieben, was Jiyu letztlich das Leben gerettet hatte. Doch ihn nicht zu fürchten... dazu würde es noch viel brauchen, Jiyu hatte in seinem Leben nur einen nicht gefürchtet und das war sein Lehrmeister Heishin gewesen, er hatte ihm allerdings auch über all die Jahre beigestanden. Ihm hatte er vertraut... Der Fremde namens Raoul packte ihn plötzlich am Kinn und zwang Jiyu, ihn anzusehen, was der Naga mit einem beinahe panischen Blick quittierte. Wurde er jetzt doch noch bestraft? Regel zwei: Sprich nie, wenn du nicht gefragt wirst, sonst schneidet man dir die Zunge raus. Hatte er mit seiner Frage zu viel gesagt? Warum wollte Raoul, dass er ihn ansah? Jiyu hatte sein Leben lang Schwierigkeiten gehabt, selbst Meister Heishin und den anderen Konkubinen anzusehen, noch in die Augen zu sehen. Und dieser Fremde zwang ihn zu etwas, dass ihm all die Jahre bei strengster Strafe verboten gewesen war. Jiyu zitterte wie Espenlaub und erwartete schon zumindest harsche Worte. Doch was Raoul sagte, ließ Überraschung und Verwirrung immerhin teilweise der Panik weichen. Warum sagte er das alles? Das waren alles Dinge, von denen Jiyu eher nur das Gegenteil gehört hatte. Er, mehr wert als den Körper und die Künste, die man ihn gelehrt hatte? Dass man ihn nur rettete um seiner selbst? Er verstand die Welt nicht mehr, was wollte der Mann denn nun von ihm? Offiziell nichts, er wollte ihm nur helfen und das nur weil er... eine wunderbare Person war. Das hatte nicht mal Meister Heishin je gesagt.. und dieser Mann kannte ihn nicht mal. Warum wusste er so viel? Als er Jiyus Kinn wieder freigab, sah der Naga sofort wieder zu Boden, ihm waren wieder die Tränen gekommen, er ertrug es nicht, jemanden so lange anzusehen. Auch wenn er nicht geschlagen worden war, er spürte so etwas wie einen Phantomschmerz, als hätte er die Peitsche im Rücken. Er zitterte immer noch, auch wenn Raoul ihm offenbar wirklich nichts tun wollte. „B-Bitte, Herr... bitte zwingt mich nicht nochmal dazu, Herr“, wisperte er leise und schluchzte wieder. „Es.... es ist mir verboten, jemanden anzusehen, Herr. Ich... ich werde... bestraft, wenn ich es tue, Herr. Bitte.. bitte, Herr, bestraft mich nicht dafür“ Immerhin hatte Raoul ihn gezwungen, ihn anzusehen.
Als er meinte, er solle die Zähne zusammenbeißen, es würde gleich wehtun, wusste Jiyu schon, was ihn erwartete... offene Wunden von den Stockschlägen, den Peitschenhieben oder sonstigen Verletzungen wurden bei ihm ja auch behandelt, vergleichsweise gut sogar, damit keine Narben blieben. Antiseptika kannte er daher, doch noch nie hatte ihm vorher jemand gesagt, dass es wehtun würde. Er hatte erst nach und nach gelernt, dass die Antiseptika dazu da waren, die Wunden zu reinigen. Entzündungen führten zu unschönen Narben, die sein Herr nicht wollte. Kleine, feine, kaum sichtbare Narben und das Brandmal im Nacken, das war alles, was sein Herr erlaubt hatte. Doch niemand hatte ihm am Anfang gesagt, warum es brannte, und dass es überhaupt weg tun würde. Doch gehorsam versuchte Jiyu, sich nicht auf den unweigerlich kommenden Schmerz zu konzentrieren, als er den scharfen Geruch der Flüssigkeit in die Nase bekam. Ethanol, Alkohol, er kannte das. Doch als die Flüssigkeit in die offene Wunde kam, wimmerte Jiyu auf und biss sich in die Unterlippe, um nicht laut los zu schreien. Ihm wurde fast schwarz vor Augen, das Essen, was er kurz zuvor bekommen hatte, bahnte sich schon fast wieder seinen Weg nach oben und seine Fingernägel krallten sich in das weiche Fleisch seiner Hand. Er schmeckte Blut, hatte sich schon die Lippe blutig gebissen, auch die Handfläche blutete schon, aber er gab nur ein leises Wimmern von sich, wo gestandene Männer schon geschrien hätten wie am Spieß.
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Raoul
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BeitragThema: Re: Aistus   Mo Dez 19, 2011 4:56 am

Der Junge scheint panische Angst zu haben, während ich ihn zwinge, mir in die Augen zu blicken, aber das kann ich nicht ändern, wenn man so etwas sagt, wie ich grade, dann ist es immer das beste, wenn man der Person dabei auch in die Augen blickt und ihm oder ihr auch mit seinem Blick klar macht, dass das der absolute Ernst ist und man es meint, wie man es sagt, so und nicht anders. Ich kann mir vorstellen, dass Jiyu sich fürchtet, er kennt mich nicht und er hatte ja auch schon vorher wirklich Angst vor mir. Das scheint jetzt noch schlimmer geworden zu sein und natürlich tut mir das leid, ich will ihm keine Angst machen und ihm auch erst recht nicht weh tun, das hat er nicht verdient, er scheint wirklich ein wundervoller Junge zu sein, auch, wenn er so viel Angst zu haben scheint, dass er sich nicht mal dagegen wehren kann, dass ich ihn zwinge, mir in die grade wieder haselnussbraunen Augen zu blicken. Ich hoffe, dass er mir irgendwann ohne diese Angst in die Augen blicken kann, so sehr fühle ich mich an mich selbst erinnert, den jungen Werwolf, der ratlos ist, Angst hat, nicht mehr weiß, wohin er soll und wie er jetzt noch überleben soll, wem er vertrauen kann und wem nicht. Nach einer Weile hat sich das zwar bei mir von selbst gebessert, aber bei dem Jungen scheint das alles sehr viel tiefer zu sitzen, ich fürchte, dass man ihm eingeredet hat, dass ihn eh keiner sehen will und er nichts wert sei, das wäre nicht das erste mal, dass ich jemanden so sehe und es wäre auch nicht das erste mal, dass ich sehe, wie jemand dran zugrunde geht. Aber genau das will ich bei Jiyu verhindern, ich will ihm zeigen, dass er nicht allein ist, sich nicht zu fürchten braucht und dass er jetzt in Sicherheit ist und wieder auf die dürren Beine kommen wird. Ich würde dem, der ihm wahrscheinlich eingeredet hat, dass er das alles nicht wert ist, am liebsten den Schädel einschlagen, ihn leiden lassen, dafür, dass er so ein junges Leben zerstört und eine zarte Seele vielleicht für immer zerrissen hat, aber zuerst muss ich mich jetzt um den Jungen kümmern und ihm beweisen, dass er mir vertrauen kann und mehr wert ist, als ihm gesagt wurde. Natürlich hilft es dabei nicht grade, wenn ich ihn immer nur mit einer unveränderten Miene anblicke, aber ich weiß, dass ich, sobald ich zulasse, dass sich in meinem Gesicht Gefühle zeigen, auch die Trauer und die Angst nicht mehr verbergen können werde und davon scheint der Junge genug durch seine eigenen Probleme zu haben, er muss nicht noch was von meinen mitkriegen, das wäre einfach nicht fair und das hätte er nun wirklich nicht verdient, denke ich mal, es reicht, wenn er jetzt erst mal mit seinem eigenen Leben zurecht kommt, ich muss ihm nichts von meinem zeigen.
Kaum habe ich Jiyu losgelassen, blickt er auch schon weg, er scheint wirklich Angst davor zu haben, andere anzublicken, die Erklärung dafür folgt auf dem Fuße und lässt ganz kurz so etwas wie Betroffenheit in meinen Augen aufblitzen. Er muss wohl früher ein Bediensteter oder so etwas gewesen und dafür bestraft worden sein, wenn er jemanden direkt angeblickt hat, darauf lässt auch seine Anrede für mich schließen: 'Herr', als wäre ich eine höher gestellte Person, die ihm zu sagen hat, was er zu tun und zu lassen hätte, aber das stimmt ja nicht. Dass er mich darum bittet, ihn nicht zu bestrafen, ist mir fast schon unangenehm, ich wollte ihm ja echt keine Angst machen und ihm schon gar nicht das Gefühl geben, dass ich ihn bestrafen würde, nur, weil er mich angeblickt hat, dabei hab ich ihn doch sogar selbst dazu gezwungen, mir ins Gesicht zu blicken und nirgends sonst hin. Er erinnert mich an einen Hund, der genau gelernt hat, dass es gegen die Regeln seines Herrchens ist, zu rennen, dann dort hin gezwungen wurde und sich daran erinnert, dass er immer Schläge gekriegt hat, wenn er gerannt ist, weswegen er jetzt winselnd da sitzt, in Furcht vor der wahrscheinlich unvermeidlichen Strafe. Ich seufze und lege meine freie Hand langsam auf Jiyus rechte Schulter, die Berührung ist so sanft, wie es eben geht, und ich streiche vorsichtig mit dem Daumen über die glatte Haut des kleinen Jungen, ganz langsam, um ihm nicht durch hektische Bewegungen erneut Angst vor ihm zu machen. >>Du wirst nie wieder dafür bestraft, das verspreche ich dir. Es mag sein, dass man dich dafür bestraft hat, aber ich werde dich davor beschützen, dass man dir nochmal wegen so etwas weh tut, versprochen, Jiyu. Aber wenn du Angst davor hast, mir ins Gesicht zu blicken, dann ist das ok, ich werde dich nicht noch einmal dazu bringen, mir in die Augen zu blicken, wenn du dich davor fürchtest.<< Ich streiche nochmal vorsichtig über Jiyus Wange, ehe ich meine Hand langsam zurück ziehe, es geht jetzt wirklich nicht darum, mich schnell mit ihm vertraut zu machen, sondern ihn jetzt erst mal zu versorgen und so weit zu beruhigen, dass er mir einfach vertrauen und sehen kann, dass ich ihm nichts tun und ihn auch ganz sicher nicht verletzen werde, egal, wie viele das schon mit ihm gemacht und ihm weh getan, ihn vielleicht auch unterdrückt haben.
Und das ist auch der Grund, warum ich meine Schritte beim Versorgen der Wunde ein bisschen erkläre, einfach, damit er versteht, was ich tue und dass wirklich keiner dieser Schritte, auch, wenn sie teilweise schmerzhaft sein mögen, unnütz ist und einfach nur weh tun soll. Vielleicht kennt er das alles auch schon, aber ich kann nicht sicher sein, deswegen ist es besser, das alles nochmal zu erklären, so, wie mir damals, nachdem ich gebissen wurde, die Heiler jeden Schritt erklärt hatten, während sie meine Bisswunde versorgten, mir Medikamente gaben, überprüften, wie gut ich mit der Hand wieder umgehen konnte und so weiter. Und so erkläre ich ihm auch noch kurz, was dieses Mittel jetzt bezwecken soll und wieso er diese Schmerzen gleich ertragen muss, ehe ich den Schnaps einfach auf die Wunde schütte. Zwar nur grade so viel, wie nötig ist, aber genug, um ihm vielleicht die Sinne zu rauben. Ich würde sogar verstehen, wenn er jetzt einfach bewusstlos wird und die nächsten Stunden einfach nicht wieder aufwacht. Aber er zeigt eigentlich kaum eine merkliche Reaktion, er verkrampft sich und wimmert leise, dann rieche ich Blut und das von zwei Stellen. Ich blicke Jiyu ins Gesicht und sehe, wie das Blut sich dort, wo er sich auf die Unterlippe beißt, sammelt, ich sage erst einmal nichts, weil ich den Jungen verstehen kann, und suche einfach die andere Stelle, an der er sich wegen der Schmerzen selbst verletzt zu haben. Es dauert einen Moment, aber dann sehe ich, dass er an der Hand blutet, ich seufze und streiche wieder vorsichtig durch Jiyus Haar, so sanft, wie ich eben kann. >>Ist ja gut, es ist gleich vorbei, Jiyu. Kannst du dich ein Stück aufrichten, damit ich deine Wunde verbinden kann? Es wird nicht lange dauern, aber ich muss diese Wunde abdecken, sonst kommt vielleicht Schmutz hinein und sie entzündet sich am Ende doch noch.<< Ich hoffe, dass er noch die Kraft hat, sich für etwa eine halbe Minute aufzurichten, damit ich seine Verletzung fertig versorgen kann, ich mache mir einfach sorgen um den kleinen, abgemagerten Jungen und fürchte, dass vielleicht alle Hilfe nichts bringt, weil er so verängstigt ist und das, was er tut, schon nicht mehr Leben genannt werden kann. Verstehen könnte ich es, so ängstlich, wie er auf mich wirkt.
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Jiyu
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BeitragThema: Re: Aistus   Di Dez 20, 2011 7:10 am

Wer Jiyus Vergangenheit kannte, seine Erziehung und die Regeln, nach denen er hatte leben müssen, der verstand, warum er heute so handelte und reagierte, wie es der Fall war. Aber Raoul konnte das alles ja nicht wissen, auch wenn Jiyu den Eindruck hatte, dass der Mann eine ganze Menge über ihn wusste. Nur woher? Jiyu war sich sicher, dass er ihn noch nie gesehen hatte, also warum sagte er so viel über ihn? Woher wollte er das alles wissen? Jiyu kam in dieser Welt einfach nicht zurecht... sein Herr hatte eine wirklich grausame Strafe für den Naga gewählt. Sicher hatte Jiyu mal den einen oder anderen Satz über die Erde gelesen, aber das waren winzige Tautröpfchen, verglichen mit diesem Ozean an Eindrücken, der sich ihm hier bot. Wahrscheinlich hätte sein Herr ihn auch irgendwo in der Hölle aussetzen können, er wäre genauso verloren gewesen. Aber über die Hölle, ihre Politik und Geographie hatte er lesen und lernen dürfen, es wäre ihm leichter gefallen als hier... Sein Herr hatte das sicher gewusst. Deshalb hatte er ihn auch auf die Erde gebannt und nicht einfach ins Exil geschickt.
Die Hand auf seiner Schulter, die plötzliche, wenn auch sanfte Berührung ließ den jungen Naga zusammenzucken, auch wenn es ihn schnell an seinen Meister Heishin erinnerte. Er hatte ihn auch oft mit solchen sanften Berührungen beruhigt... doch wieder kamen ihm die Bilder von dessen Hinrichtung in den Sinn, der abgetrennte Kopf, die leeren, glasigen Augen... Jiyu schluckte und er wollte eigentlich nicht zittern. Aber einige Schübe packten ihn wieder, wenn er an seinen Freund dachte, den einzigen, den er all die Jahre gehabt hatte. Schwach konnte er sich auch an eine Frau erinnern, die ihn ernährt hatte, aber die hatte er nie kennengelernt. Es war auch nie wieder ein Wort über sie gefallen. Er hatte sich auch mit einigen Konkubinen und anderen Lustsklaven einigermaßen verstanden... Aber als er nach und nach zum Liebling unter den Sklaven geworden war, wurden viele eifersüchtig auf ihn. Zwar waren die meisten von ihnen von Privatlehrern unterrichtet worden, einige hatten sogar von Heishin ihre Lektionen erhalten. Aber nur um Jiyu, damals noch Daor, hatte er sich so intensiv gekümmert, nur Jiyu hatte man zu wirklich wichtigen Gästen geschickt, nach einiger Zeit hatte man einen gewissen Neid auf den scheuen Federnaga entwickelt, so dass dieser selbst mit denen, die doch in derselben Situation wie er steckten, keine Freundschaft schließen konnte. Er war wirklich allein gewesen, das heißt, er wäre es gewesen, wenn nicht wenigstens noch Meister Heishin zu ihm gehalten hätte. Und wie Raoul hatte auch dieser mal versprochen, ihn beschützen, so weit es ihm möglich war. Und dafür hatte man ihn getötet. Er wollte nicht, dass man Raoul auch tötete... auch wenn er Angst vor dem großen Mann hatte, er hatte diese Angst vor jedem Menschen auf der Welt. „Ich... ich danke Euch, Herr. Das ist.... wirklich sehr großzügig von Euch“ Ja, so war er aufgewachsen. Wie oft hatte er sich so bei seinem Herren oder seinen Gästen bedankt? Und wie oft, wie lange hatte er wirklich selbst geglaubt, dass sie großzügig ihm gegenüber waren? Weil sie ihn doch überhaupt erst am Leben ließen...
Auch wenn er jetzt Schmerzen deswegen hatte. Die Magenschmerzen, die er noch gehabt hatte, weil sein Herr ihn in den Magen getreten hatte, waren schon nach einem Tag wieder vergangen, was er jetzt spürte, war wesentlich schlimmer. Aber Raoul hatte ihm ja erklärt, dass es die Wunde nur reinigen würde und Jiyu wusste auch, wozu Antiseptika da waren. Sonst gab es Infektionen, die nicht nur schmerzhaft sondern auch gefährlich waren, ihn sogar das Leben kosten konnten. Deshalb biss er sich lieber die Lippe blutig und grub sich die Nägel in die Handfläche und ließ es über sich ergehen. Auch wenn er am liebsten geschrien hätte. Doch alles, was von ihm kam, war ein kleines Wimmern, mehr ein Winseln, das Resultat jahrzehntelanger Selbstbeherrschung und grausamen Trainings. Dennoch war es ein Schmerz, der ihn fast ohnmächtig werden ließ. Er atmete auch schwerer, als Raoul ihn fragte, ob er sich etwas aufrichten könnte, damit er die Wunde verbinden könnte. Jiyu zitterte wieder stärker, aber er gehorchte, hielt ich an der Wand fest und stützte sich an dieser ab, um sich aufzurichten, so gut er konnte. „Herr... warum wollt Ihr mir helfen? Ihr... kennt mich doch nicht, Herr, ich... weiß nicht, wie ich Euch zu Diensten sein könnte, Herr... Vergebt mir, Herr, ich frage zu viel!“, setzte er noch hastig hinten an. Er hatte nicht anzuzweifeln, was dieser Mann aus welchen Gründen mit ihm tat.
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Raoul
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BeitragThema: Re: Aistus   So Dez 25, 2011 1:26 pm

Jiyus Zucken und das ängstliche Zittern danach lassen mich unsicher werden, ich weiß nicht, ob ich etwas falsches getan habe, als ich ihn so vorsichtig und sanft berührt habe, schließlich weiß ich nicht, wie er vorher manchmal angepackt wurde und ob man das nicht da auch schon gemacht hat, um ihn erst einmal in Sicherheit zu wägen, ich hoffe, dass ich ihm nicht wirklich Angst gemacht habe, aber nach kurzem Nachdenken nehme ich die Hand von Jiyus knochiger Schulter, um ihn nicht noch mehr zu ängstigen als er es schon ist, er tut mir leid und ich verstehe seine Angst ja auch, weswegen ich es nicht noch weiter treiben will, als eh schon. Ich muss schlucken, als ich mich an die Wochen erinnere, in denen ich vor Angst vor mir selbst und den Menschen kein Auge zugekriegt habe, an die Tage, nachdem ich gebissen wurde, als ich nur meinen ehemaligen Leher wirklich an mich heran gelassen hatte, weil er sich so um mich zu sorgen schien. Ich hatte nicht einmal zugelassen, dass die Heiler meinen Verband wechselten, so Angst hatte ich vor ihnen gehabt, ich kenne diese Panik durchaus und ich verstehe, wenn der Junge, was auch immer er ist, sich genauso vor mir fürchtet und mit einer solchen Panik auf mich reagiert, er ist schließlich grade noch von einer wütenden Meute fast zu Tode gehetzt worden und dürfte auch deswegen noch ganz schön verschreckt und panisch sein, ich wäre an seiner Stelle ja nicht viel anders, im Gegenteil, ich war noch schlimmer, ich hatte mich mit Gewalt gegen die Menschen gewehrt, ich hatte geknurrt, meine Zähne und Krallen gezeigt und mir Fell wachsen gelassen, ich hatte die Menschen gehasst wie keine zweite Spezies in dieser verdammten Welt und jetzt... jetzt kümmere ich mich um dieses halbe Kind, das an der Schwelle zum Verhungern und schwer verletzt ist, völlig verängstigt scheint und eindeutig sehr viel Hilfe braucht, bevor man es allein lassen kann. Ich habe nichts dagegen, ich habe sowohl Zeit, als auch Motivation, um mich um einen so kleinen, empfindlichen Jungen zu kümmern, aber es tut mir einfach weh, jemanden ebenso verängstigt, ebenso hilflos und schwach wie mich selbst damals zu sehen. Eher sogar noch schlimmer, wie ich denke, der Junge scheint wirklich gar nicht mitzukriegen, was da eigentlich Sache ist und wie die Gesetze hier sind, er scheint mit der ganzen Welt nicht klar zu kommen. Vielleicht war er wirklich sein ganzes Leben lang ein Diener, darauf würden die Unterwürfigkeit, der scheue Charakter und die Art, wie er mich anspricht, diese Anrede, "Herr", schließen lassen, ich kann mir gut vorstellen, dass jetzt das erste mal ist, dass er raus gekommen ist und in gewisser Hinsicht frei ist. Ob diese Freiheit so gut für ihn oder nicht eher eine Strafe ist, ist natürlich die Frage, ich tippe auf letzteres, weil der Junge so furchtbar hilflos erscheint. Aber wenn dann werde ich eine ganze Weile warten, bis ich ihn frage, weil er jetzt schon genug Probleme zu haben scheint und ich ihn nicht an irgendwas erinnern will. Schließlich will ich ja auch nichts von meinen Erinnerungen hören, ich will nicht über mich ausgefragt werden, von jemandem, den ich kaum kenne und über den ich noch weniger weiß, als ich von ihm kenne, also sollte ich das auch nicht tun. Als Jiyu sagt, dass das sehr großzügig von mir wäre, kommt ein trauriges, verbittertes, leises Lachen über meine schmalen Lippen, als wäre es großzügig, jemandem keine Angst zu machen, genauso hatte ich gedacht, als mein alter Lehrmeister sich um mich gesorgt hatte, nachdem ich gebissen worden war, ich hatte das für unfassbar großzügig gehalten, weil ich so eine Behandlung von sonst gar keinem erfahren hatte, alle anderen hatten mich von Grund auf abgelehnt und mir bedeutet, dass ich unerwünscht war. Erst später war mir klar geworden, dass das, was mein Lehrmeister für mich getan hatte, das Selbstverständliche gewesen war, was alle anderen einfach gar nicht erkannt hatten. >>Du brauchst dich nicht dafür zu bedanken, es ist selbstverständlich, schließlich habe ich keinen Grund, dir Angst zu machen und bin generell dagegen, wenn jemand bestraft wird, nur, weil er einen anderen angesehen hat. Und was für ein furchtbarer Heuchler wäre ich, würde ich nicht gegen das, was ich verabscheue, vorgehen.<< Ich weiß nicht, ob Jiyu meine Beweggründe wirklich versteht, aber ich hoffe es, es ist ja wirklich nichts anderes, als gegen das, was ich nicht akzeptiere, vorzugehen. Es bringt nichts, nur zu sagen, dass man etwas verabscheut, wie ich finde, man sollte dann auch wirklich dagegen vorgehen und beweisen, dass man eben nicht einfach nur heuchelt sondern das alles so meint, wie man es auch sagt und beweißt, dass man wirklich gegen das alles ist, statt es nur vorzutäuschen und keine Taten hinter seine Worte zu stellen.
Es ist ein unangenehmes Gefühl, zuzusehen, wie der Junge die Schmerzen mit aller Kraft unterdrückt, ich fühle mich an den neunzehnjährigen erinnert, der ich war und der versucht hatte, nicht zu zeigen, was für Schmerzen er wegen dem Werwolfbiss hatte, was so gut wie unmöglich war, es tut mir wirklich leid, Jiyu nun so weh tun zu müssen, aber es geht nun einmal wirklich nicht anders, als so, wenn sich das entzündet, stirbt er nur am Ende noch, also ist wohl das beste, was ich für ihn tun kann, die Wunde zu versorgen, so weh das ihm auch tun mag. Nachdem sich der Junge so weit aufgerichtet hat, dass das Verbinden der Wunden kein Problem mehr ist, hole ich einige Verbände aus meiner Tasche, tränke den ersten noch in dem fast durchsichtigen, stark riechenden Zwergenschnaps, damit er auch wirklich sauber ist, normalerweise würde ich das abkochen, aber dafür fehlen gerade Zeit und Möglichkeiten, also muss es so gehen, und schlinge ihn vorsichtig um Jiyus Hüfte, die anderen Verbände lege ich einfach danach vorsichtig darum, ich habe es schon mit leichtem Druck getan, aber nicht so, dass Jiyu davon wirklich Schmerzen haben dürfte, erst einmal wird das wegen dem ersten Verband noch ziemlich brennen, das weiß ich, aber es geht leider im Moment einfach nicht anders. Ich drücke kurz meine Hand auf meinen Brustkorb, auf die Stelle, wo meine Mutter mir einen Dolch in den Brustkorb gerammt hatte, bei dieser Wunde hatte das reinigen nicht geholfen, vielleicht, weil die Waffe aus Silber war, höchstwahrscheinlich wegen dem Fluch, der darauf lag und möglicherweise auch einfach wegen der Mischung beider Faktoren, es kann durchaus sein. Auf jeden Fall hoffe ich, dass ich dem kleinen Jungen so eine lange Erholungszeit, wie ich damals brauchte, ersparen kann, auch, wenn ich ihm dafür vielleicht wirklich starke Schmerzen bereiten muss. Jiyu fragt mich erneut, weswegen ich ihm helfen könnte, er sagt, dass er nicht wüsste, womit er mir zu Diensten sein sollte und kurz verziehe ich verärgert das Gesicht, vor allem, als er hastig anfügt, dass ich ihm verzeihen sollte und er wohl zu viel fragen würde, was schon mal überhaupt nicht stimmt, ich habe schließlich nichts dagegen, wenn er so viel fragt, im Gegenteil, dann lernt er schneller über diese Welt und kommt damit dann wahrscheinlich auch um einiges besser klar, als wenn er die ganze Zeit nur stumm mit mir mit läuft und keine einzige Frage stellt. Es ist mir so einfach bedeutend lieber, weswegen ich auch den verärgerten Blick wieder absetze und stattdessen erneut die Steinmiene auf mein Gesicht zwinge. >>Nein nein, du fragst nicht zu viel, frag ruhig immer, wenn du etwas nicht weißt, was dich interessiert, schließlich sollst du doch auch über diese Welt lernen. Und ich helfe dir einfach aus Mitleid. Weißt du, kleiner? Ich bin ein gebissener Werwolf, die Menschen haben mich immer gejagt, verabscheut und verletzt, ich weiß, wie es ist, Angst haben zu müssen und keinen Ort zu wissen, an den man sich zurückziehen kann, niemanden zu kennen, an den man sich wenden könnte. Dieses Gefühl, diese panische Hilflosigkeit, wünsche ich niemandem, einem wohl so netten Jungen wie dir am wenigsten. Ich will nicht, dass du mir zu Diensten bist, ich will dir einfach helfen, weil ich die Möglichkeiten dazu und ein gewisses Maß an Mitleid hab.<< Ich setzte mich nun einfach neben den Jungen und seufze, während ich den Teller, von dem Jiyu gegessen hat, wieder in meine Tasche packe und mein blutgetränktes Hemd wieder überziehe, dadurch, dass es blütenweiß war, sieht man deutlich, dass es mit Blut in Kontakt gekommen sein muss, jeder, der mich sieht, wird wahrscheinlich denken, dass ich jemanden ermordet habe, oder einfach Schlachter bin und mir keine Schürze leisten konnte, aber das ist mir egal, ich habe nur dieses Hemd und wenn ich das nächste mal Schwimmen gehe, werde ich es einfach am Körper behalten, um es zu waschen. Ich ziehe mit der rechten Hand meinen Mantel ran und lege ihn Jiyu über, damit er wenigstens nicht mehr ganz so sehr friert und sich nicht am Ende noch eine Lungenentzündung holt. Ich selbst friere ja nicht sonderlich, dafür sorgt der Wolf in mir, mir ist eigentlich selbst im Winter noch angenehm warm, ich brauche den Mantel nicht wirklich, wenn ich nicht grade im hohen Norden bin, wo es wirklich eisig ist, also kann ich ihn auch dem Jungen leihen, damit der sich nicht gleich sonst was holt. In der nächsten Stadt werde ich ihm wohl einen eigenen kaufen, aber so lange werde ich ihm meinen leihen können, selbst, wenn er ihm wahrscheinlich ein gutes Stück zu groß ist, ich vermute, dass er ziemlich oft über den Saum stolpern wird, bis er einen eigenen hat, was auch der einzige Grund ist, warum ich ihm meinen nicht ganz überlasse, schließlich kann man sich bei einem Sturz auch einiges brechen, wenn man sehr ungünstig fällt, und ich habe das Gefühl, dass ich mir so order so schon genug Sorgen um Jiyu werde machen müssen, während er mit mir zusammen durch die Gegend zieht. Aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, dass dieser Zeitraum nicht gerade klein sein wird.
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BeitragThema: Re: Aistus   Do Jan 05, 2012 1:30 pm

Jiyu hatte sein ganzes Leben lang nur im Palast seines Herren gelebt. Er war nicht mal in der Hölle unterwegs gewesen, wenn er mal draußen sein durfte, dann im Garten und nur unter Aufsicht, auch wenn diese meist aus Heishin bestanden hatte. Mit den Jahren hatte der Lehrmeister des Nagas wirklich eine starke Zuneigung zu ihm entwickelt, eine tiefe Freundschaft, die Jiyu geholfen hatte, das alles durchzustehen. Weil er gewusst hatte, dass Meister Heishin ihm immer beistehen würde, hatte er die Kraft gefunden, durchzuhalten. Für ihn hatte er weitergelebt, jetzt... jetzt wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. Er war in einer ihm völlig fremden Welt, unter ihm völlig fremden Wesen, vollkommen allein und auf sich gestellt, ohne ein bekanntes Gesicht oder wenigstens vertraute Worte. Denn so schlimm das Leben als Sklave auch gewesen war, es war vertraut gewesen, er hatte die Befehle, selbst kleine Zeichen gekannt und konnte sie ausführen, wie es gewünscht gewesen war. Aber hier, ohne die vertrauten Wände, Zimmer und Gänge des Palastes... Natürlich war es ein Gefängnis gewesen, aber irgendwo doch auch sein Zuhause. Er hatte dort gelebt, war dort aufgewachsen... In Grausamkeit und Kälte, wenn Meister Heishin nicht gewesen wäre, wäre Jiyu wahrscheinlich irgendwann innerlich tot gewesen. Jetzt aber gab es Meister Heishin nicht mehr, seine Leiche hatte man wahrscheinlich den wilden Tieren vorgeworfen. Das war eine durchaus gängige Praktik bei Verrätern und so gesehen war Heishin ja genau das gewesen: er hatte die Befehle seines Herren missachtet und ihn somit verraten. Jiyu hatte nur gesehen, wie man ihm bei lebendigem Leibe den Kopf abgeschlagen hatte, danach hatte man ihn vom Schauplatz weggezogen und auf die Erde verbannt.
Und hier war er nun, kauerte zitternd in einer Gasse und ein fremder, ziemlich furchteinflößend aussehender Mann kümmerte sich um ihn, als würden sie sich schon ewig kennen. Dabei war der Naga sich sicher, ihn noch nie in seinem Leben gesehen zu haben, er war definitiv noch nie ihm Palast seines Herren gewesen. Und er bestrafte ihn auch nicht für sein 'Fehlverhalten', meinte sogar, er würde gegen das vorgehen, was er verabscheute... hatte das Meister Heishin nicht auch getan? Jiyu hatte gesehen, wie sehr es ihm missfallen hatte, wenn er ihn hatte herum schubsen und bestrafen müssen. Man hatte es ihm einfach angesehen, Jiyu hatte es regelrecht gespürt. Es war ein Wunder gewesen, dass es kein anderer mitbekommen hatte. Heishin hatte ihm auch immer geholfen, wenn seine Bestrafungen wieder blutig ausgegangen war... er hatte ihn auch versorgt, gepflegt und dafür gesorgt, dass er die nötige Ruhe bekam, er hatte die Grenzen des Möglichen ziemlich ausgereizt. Hier, soweit hatte Jiyu das verstanden, war sein Master nicht vorhanden... es sei denn, er beobachtete ihn. Tat er das gar? Wartete er nur darauf, dass Jiyu flehte, zurück kommen zu dürfen? Ein wenig Angst hatte Jiyu schon, dass sein Herr ihn nur beobachtete und irgendwann zurück holte. Dass er... den Mann, der so nett und großzügig zu ihm war, vielleicht genauso töten würde wie Meister Heishin. Und auch, wenn Jiyu Angst vor ihm hatte, er war doch Meister Heishin so ähnlich, er kümmerte sich um Jiyu, nur aus Mitleid. Hatte nicht Heishin so oft gesagt, wie leid es ihm tat, was er mit Jiyu machen musste und was der Herr Jiyu antat? Und er hatte ihm auch nach Möglichkeit geholfen. Wie oft hatte Jiyu bei ihm Schutz gesucht und Trost gefunden... „Wenn Ihr das meint, Herr... Ich habe nicht das Recht, über Euch eine Meinung zu bilden, Herr“ Damit meinte Jiyu eher, dass er es ohnehin nicht konnte, weil er ihn nicht kannte. Aber bisher kam der Mann ihm sehr nett vor, großzügig... gutherzig. Vielleicht sogar vertrauenswürdig...
Fragen, um die Welt zu verstehen... Jiyu war das ziemlich früh in seiner Kindheit ausgetrieben worden. Schon als er angefangen hatte zu sprechen, war es ihm ausgetrieben worden, Fragen zu stellen. Er sollte beobachten und dadurch lernen, Fragen zu stellen war fast schon eine Todsünde. Er erinnert sich noch zu gut daran, wie er geschlagen worden war, als er nach seiner Herkunft gefragt hatte. Er wusste, dass er nicht in der Hölle geboren worden war, aber man hatte ihm nur gesagt, dass der Herr ihn in seiner Großzügigkeit aufgenommen hatte, als er auf seinen Stufen gelegen hatte. Und nie wieder hatte Jiyu es gewagt, nach seiner Herkunft zu fragen. Vielleicht hatten seine Eltern ihn ja wirklich nicht gewollt... Hätte er aufgesehen, hätte ihn die verärgerte Miene von Raoul wahrscheinlich halb zu Tode erschrocken und er hätte sich tausendmal entschuldigt. So hielt er den Blick immer noch gesenkt, als Raoul sprach und ihm erzählte, was er war und dass er selbst Angst vor den Menschen hatte. Von Werwölfen hatte Jiyu schon gelesen, doch dass er solche Angst hatte... Dabei wirkte er so groß und stark und er hatte sich der Meute doch auch gestellt, ganz allein. Obwohl er solche Angst hatte? Er musste wirklich unglaublich mutig sein... beinahe noch mutiger als Heishin es gewesen war. „Herr, Ihr... Ihr wirkt so stark und... tapfer, Ihr... wirkt nicht so, als... hättet Ihr Angst, Herr...“ Aber vielleicht war das nur ein Fehleindruck... Jiyu sah immer noch nicht auf, aber er spürte, wie die Erschöpfung und die Müdigkeit von seinem Körper Besitz ergriff, auch wenn sein Adrenalinspiegel ihn noch einen Moment wach hielt, als er den Mantel um die Schultern gelegt bekam. Der Fremde, nein, Raoul kümmerte sich wirklich um ihn... aber auch der dicke Mantel brachte nicht mehr viel. Ihm war eiskalt, er bekam wahrscheinlich auch schon blaue Lippen.... Er blinzelte ein paar Mal und der brennende Schmerz in seiner Seite schien dumpfer zu werden, seine Sicht verschwamm und ihm war schwindelig. Er wollte sich noch bedanken... aber da kippte er schon zur Seite weg und die Welt um ihn wurde schwarz. Den Aufprall bekam er nicht einmal mehr wirklich mit, die letzten Tage waren zu viel für den jungen Naga gewesen.
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BeitragThema: Re: Aistus   Mo Jan 30, 2012 11:07 am

Ich seufze, ich kann mir vorstellen, was der Junge meint, als er sagt, dass er nicht das recht hätte, sich eine Meinung über mich zu bilden, aber trotzdem, die Wortwahl ist mir unangenehm, wahrscheinlich, weil mich das daran erinnert, dass auch mir recht wenige Rechte zugestanden werden und ich wegen dem, was ich bin, sogar als vogelfrei gelte, also jederzeit getötet werden könnte, wohin ich auch gehe, ich habe Angst davor, wer hätte das nicht. Aber das ist auch der Grund, warum ich Leuten wie Jiyu helfen will, ich verstehe seine Angst, all die Gefühle, die ihn grade plagen dürften. Auch ich war mal hilflos und allein und Jiyu tut mir wirklich leid, ehrlich gesagt würde ich ihn am liebsten einfach die ganze Zeit im Arm halten und trösten, ihn lächeln sehen und an mich drücken, damit er seine Angst vergisst, aber ich glaube, so lange ist es bei diesem Jungen noch lange nicht, dass ein Fremder ihn einfach in den Arm nehmen und an sich drücken könnte, als würde er ihn schon seit Jahren kennen. Dafür scheint mir der kleine einfach zu ängstlich und ihm Angst einjagen will ich jetzt wirklich zu allerletzt, weil er schon fertig und erschöpft genug wirkt. Ich hoffe, dass er noch nicht eine solche Angst hat, dass er mir nicht vertrauen kann, denn allein will ich ihn wirklich ungern schlafen lassen, ich fürchte, dass er nicht einschlafen kann, wenn ich da bin, aber noch beunruhigender finde ich die Bewohner der Stadt und ich denke einfach, dass ich mir wirklich Sorgen darum machen sollte, wie gerne sie diesen armen Jungen tot sehen wollen, obwohl er doch keiner Fliege etwas zuleide getan hat, sondern nur wegen Hunger ein bisschen was, kaum der Rede wert bestimmt, stehlen wollte. Dass Menschen so grausam sein können, kann ich einfach nicht verstehen, dabei haben sie doch selbst Familien, die sie versorgen und um die sie sich wirklich kümmern müssen. Ich seufze und schüttle den Kopf, um die düsteren Gedanken abzuschütteln, damit Jiyu nicht mal bemerken könnte, wie mies ich drauf bin, wenn seine Menschenkenntnis dementsprechend wäre, was ich wirklich bezweifle, so fertig, wie er aussieht.
Ich schließe kurz die Augen, als Jiyu sagt, dass ich auf ihn nicht wie jemand wirke, der wirklich Angst hat, dass ich doch so groß und stark wäre und gar keinen Grund hätte , mich zu fürchten. Am liebsten würde ich laut loslachen, weil der Junge regelrecht naiv zu sein scheint und mich tatsächlich für stark zu halten scheint, mich, der vor allem nur immer davon gelaufen ist und sich versteckt hat, aus Angst, früher oder später doch noch umgebracht zu werden, aber ich will den kleinen Jungen nicht erschrecken und irgendwo ist sein Einwand doch berechtigt, wenige hätten in meiner Situation wirklich Angst, weil sie wissen, wie schnell und stark Werwölfe sind, dass sie sich ohne Probleme verteidigen können und so unglaublich scharfe Sinne haben, dass sich an sie eh so gut wie keiner anschleichen kann, ohne bemerkt zu werden. Trotzdem, ich habe Angst, dass man mich töten könnte und nicht grade wenig, ich weiß nur nicht, wie ich das so einem schmächtigen kleinen Jungen erklären soll, der bestimmt zehn mal mehr Angst als ich hat und das auch ganz zurecht, schließlich ist er ein kleiner Junge, der sich selbst nicht verteidigen kann, während ich mich sogar mit bloßen Händen durchschlagen kann und das auch tue, wenn ich will. >>Würde ich den Menschen meine Angst zeigen, hätten sie leichtes Spiel mit mir, Jiyu. Ich habe Angst, panische Angst sogar, schließlich werde ich von ihnen geächtet, seit ich neunzehn war, und hatte seit dem nie wieder meine Ruhe. Ich habe Angst vor ihnen, natürlich, wer hätte die nicht. Aber wenn ich mich von der Angst übernehmen lasse, dann ist es wirklich aus, wenn ich sie zwar akzeptiere, aber nicht wirklich mein Handeln bestimmen lasse, ist sie ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit, der mich vor Gefahr bewahrt.<< Ich blicke weg von Jiyu, er ist eigentlich die erste Person, die das erfährt und ich hoffe, dass das auch erst einmal so bleibt. Dann wird der Junge plötzlich bewusstlos, ich fange ihn vorsichtig auf und nehme Wolfsgestalt an, nachdem ich mich meiner Kleidung entledigt habe, einfach, weil er so eiskalt ist. Ich rolle mich wie zum Schlafen zusammen, den Jungen in der Mitte zwischen dem ganzen Fell und direkt an dem warmen Wolfskörper, der eine Temperatur von bis zu vierzig Grad hat.
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Jiyu
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BeitragThema: Re: Aistus   Di Jan 31, 2012 2:24 am

Richtig bewusstlos war Jiyu nur für etwa eine halbe Stunde, vielleicht noch weniger. Es war eine Form der Kältestarre, der Naga kannte das bereits. Aber erschwerend hinzu kamen seine Müdigkeit, die bleierne Erschöpfung in allen Gliedern und die panische Angst, die ihn in den letzten Tagen ständig begleitet hatte und in der Hetzjagd seinen Höhepunkt gefunden hatte. Die Wunde an seiner Seite fiel da kaum noch ins Gewicht, die war ja versorgt worden. Unterkühlung, Erschöpfung, die beängstigende Situation, es kam einfach alles zusammen, weshalb er weg gesackt war. Die eigentliche Ohnmacht hielt dabei nicht allzu lange an, schon nach etwas weniger als einer halben Stunde regte der Naga sich leicht, wachte aber nicht auf. Er glitt von der Ohnmacht direkt in Schlaf über... es war so schön warm um ihn herum, er seufzte im Schlaf leicht und kuschelte sich unbewusst weiter in die weiche Wärme, die ihn umgab.
Er schlief ein paar Stunden ruhig und traumlos, eingerollt in diese wohlige Wärme, die seinen Körper durchfloss. Er war keiner der Schläfer, die sich viel bewegten, er blieb über die ganzen Stunden so eingerollt liegen und atmete ruhig. Von seinen Albträumen blieb er dieses eine Mal verschont, vielleicht war es dieses unterbewusste Gefühl von Sicherheit, dass ihn so fest schlafen ließ. Als er schließlich langsam wieder in eine Art von Wachzustand dämmerte, fühlte er sich eigentlich recht gut... es war immer noch angenehm warm um ihn herum, sein unterkühlter Körper saugte die Wärme regelrecht auf und begann schon, sie zu speichern. Jiyu seufzte unbewusst wieder sacht und hielt die Augen geschlossen. Wirklich wach war er nicht... vielleicht war ja alles nur ein böser Traum gewesen und er lag in seinem Zimmer, zusammen mit Heishin, der ihn ja oft über die Nacht gewärmt hatte. Es dauerte ein paar Minuten, bis die Erinnerungen wiederkamen und ihn an einem Punkt zusammenzucken ließen. Nein, das waren keine bösen Träume gewesen... es war alles wirklich passiert. Erst jetzt fühlte er auch, worauf er da eigentlich lag... Fell. Und jede Menge davon. Und es gehörte offenbar auch zu einem Körper. Leicht geschockt riss Jiyu die Augen auf und schreckte hoch, wobei ihn die Verletzung an seiner Seite schnell tadelte und er genauso schnell stöhnend wegen der Schmerzen wieder auf den warmen Pelz sank. Er musste ein paar Mal blinzeln, bevor er registrierte, wer oder besser was sich da um ihn gelegt hatte. Ein Wolf... Jiyu hatte noch nie einen Wolf aus dieser Nähe gesehen, aber dass es einer war, stand außer Frage. Ein Tier also... ein ziemlich großes Tier, er hatte sich Wölfe irgendwie kleiner vorgestellt, auch nach den Beschreibungen, die Meister Heishin gegeben hatte, waren sie eigentlich kleiner... aber vielleicht gab es eben so große Exemplare. Jiyu war froh, dass es sich um ein Tier handelte, Tieren vertraute er. Vielleicht auch, weil er mit ihnen sprechen konnte und sie ihn verstanden. Er hatte so gern mit den Fischen im Teich des Herren gesprochen, sie hatten so schöne Geschichten erzählt... Also atmete er erst mal tief ein und aus. Ein Wolf war nicht gefährlich, wenn er ihn schon so wärmte und er war wirklich wunderbar warm... und dann noch das Fell dazu, Jiyu konnte nicht anders: er lächelte, zum ersten Mal seit Tagen. „Na du, wo bist du denn hergekommen?“, fragte er leise, während er dem Tier über das etwas drahtige Fell strich. Er kuschelte eigentlich sehr gerne, es lag in seiner Natur, ein wenig verschmust zu sein, aber bisher hatte er nur bei Heishin eine solche Nähe erfahren dürfen. Es war das erste Mal für ihn, dass er so ein großes Tier zum streicheln und rankuscheln hatte, aber er kostete es auch aus und lächelte fast befreit. „Du bist ziemlich groß für einen Wolf, nicht wahr? Oder ist es auf der Erde normal, dass die Wölfe so groß werden?“ Er hatte noch nie mit einem Wolf gesprochen, aber bisher hatte er mit jedem Tier sprechen können, also warum nicht auch mit einem Wolf? Er fuhr fort, dass große Tier zu kraulen, besonders hinter den Ohren, den meisten Tieren gefiel es, wenn man sie hinter den Ohren kraulte. Jiyu war entspannt im Umgang mit dem Wolf, er kicherte sogar leise, als er merke, dass das Fell hinter den Ohren so viel weicher war als am Rest des Körpers. „Es war wirklich sehr nett von dir, mir zu helfen, danke. Du bist so schön warm... hast du etwa die ganze Zeit hier gelegen? Das ist ja wirklich lieb von dir, ich vertrage Kälte nicht sehr gut, weißt du? Natürlich weißt du das, sonst wärst du sicher nicht hier“ Er kraulte den Wolf weiter, es gefiel ihm, durch das Fell zu streicheln und endlich jemanden zum Kuscheln zu haben, nach allem, was passiert war. Und an seinem sanften Lächeln sah man es dem Naga auch überdeutlich an. Aber etwas irritierte ihn... da war doch dieser Mann gewesen... er hatte sich um ihn gekümmert und noch immer hatte Jiyu den Mantel um seine Schulter. Wenn er gegangen war, warum hatte er den Mantel nicht mitgenommen?
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Raoul
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BeitragThema: Re: Aistus   Mi Feb 15, 2012 11:19 am

Der Junge schläft ziemlich lange, er muss wirklich fertig mit den Nerven sein und dazu absolut erschöpft, aber was soll man anderes erwarten, er ist bis auf die Knochen abgemagert und schien völlig verängstigt, ja beinahe panisch zu sein, kein Wunder, wenn ich mal nachdenke, wie die Leute auf ihn reagiert hatten. Sie hatten ihn einen Dieb geschimpft, nur, weil er eben nicht wusste, dass das hier verboten ist und ihm eine Strafe droht, wenn er das tut. Er konnte ja nichts über die Gesetze hier wissen, wenn er als Sklave aufgewachsen ist, was ich mittlerweile immer stärker vermute, aber das werden diese Leute niemals in ihrem verdammten Leben kapieren, denke ich, dafür sind sie zu oberflächlich und zu blöd, ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur ein einziger von ihnen in der Lage wäre, sich in meine Lage oder gar die des Jungen versetzen kann, obwohl jeder von ihnen sehen konnte, wie schlecht es ihm geht und dass auch ich bestimmt kein leichtes Leben gehabt habe, einfach, weil sie nie in eine ähnlich schlimme Situation gekommen sind. Aber eigentlich sind mir diese Leute egal, sie gehen mir längst sonstwo vorbei, ich habe längst aufgehört, die Städte, in denen man mich mit Steinen raus gejagt hatte, zu zählen, als ich diesen Entschluss gefasst habe. Und ich hatte immer gehofft, diese Einstellung auch nicht nur vorzutäuschen, aber mir wurde immer deutlicher klar, dass ich trotz allem noch panische Angst hatte, Angst vor denen, die mein Leben eigentlich zerstört hatten. Ich will nicht, dass dieser Junge noch lange die selbe Angst verspüren muss, dass ist der einzige Grund, warum ich mich seiner angenommen habe. Ich rühre mich kein bisschen, um ihn nicht zu wecken, es gefällt mir, ihn so schlafen zu sehen, weil er einfach wunderbar friedlich wirkt, gar nicht mehr verängstigt oder gar panisch und auch nicht mehr halb so angespannt. Nein, so wirkt er einfach nur friedlich wie jeder andere schlafende und das zu sehen tut einfach gut, weil ich mir Sorgen um ihn mache. Wie ich ihn so ansehe, bekomme ich fast schon Lust, selbst mal die Augen zu schließen, mich fallen zu lassen und einfach wegzudämmern, aber ich entscheide mich dagegen, weil mir völlig klar ist, dass das den Tod des Jungen bedeuten könnte, die Dorfbewohner wollen ihn schließlich bestimmt immer noch bestrafen für den Diebstahl, den er angeblich begangen hat, ich darf jetzt nicht schlafen, wenn ich dafür sorgen will, dass er seinen Schlaf heil übersteht und nicht mit einem Pfeil in der Brust oder einem Messer am Hals aufwacht. Letzeres musste ich schon selbst erleben und ich weiß, was das schon für ein Schock sein kann, wenn man sich so was schon denken kann, es ja fast erwartet.
Ich hebe kurz den Kopf ruckartig ein Stück, als der Junge leise seufzt, entspanne mich aber wieder, als ich registriere, dass das Geräusch von ihm kommt und lege den Kopf ganz langsam wieder auf meinen Vorderpfoten ab, um ihn nicht zu erschrecken, da er ganz offenbar drauf und dran ist, wieder aufzuwachen und ich einfach nicht will, dass er sich dabei gleich einen Schock fürs Leben holt, schließlich will ich ihm helfen und ihn nicht zu Tode erschrecken. Dann öffnet er doch hastig die Augen und schreckt hoch, wobei seine Wunde ihm offenbar ernsthafte Probleme bereitet, kein Wunder eigentlich, bei dieser tiefen Verletzung. Ich schließe die Augen und sauge die Luft durch die Nase ein, um nach dem Geruch von frischem Blut zu schnuppern, aber da ist offenbar nichts, soweit ich das beurteilen kann, blutet der Junge wenigstens nicht schon wieder und das ist ja schon mal ein großer Vorteil. Erst, nachdem er sich wegen der Schmerzen wieder hingelegt hat, soweit das eben ging, scheint er zu bemerken, dass ich da bin oder viel mehr, was ich bin. Als der kleine dann beginnt, zu lächeln, wird mir ganz warm ums Herz, er scheint wirklich wenigstens ein bisschen glücklicher und ich lege ihm erst mal nur den Kopf auf den Schoß und sehe ihn aus meinen gelben Augen an, als er fragt, wo ich denn herkomme, weil ich das Gefühl habe, dass er noch nicht ganz registriert hat, dass ich der Wolf bin, ist ja auch kein Wunder bei der großen Veränderung. Bei der Frage, ob ich nicht ziemlich groß für einen Wolf sei und ob vielleicht alle Wölfe so groß wären, muss ich dann schmunzeln und kann es mir nicht verkneifen, zu antworten: >>Wölfe werden generell nicht so groß, Jiyu, bei Werwölfen wie mir kann es jedoch sehr wohl mal vorkommen, wenn auch eher selten.<< Ich lasse ein wohliges grollen hören, als Jiyu mich schließlich hinter den Ohren krault, da, wo ich es eigentlich fast am liebsten habe und als am angenehmsten empfinde, aber eben nur fast, die Hand in meinem Fell fühlt sich angenehm an und ich schließe die Augen, ein ziemlich großes Zeichen von Vertrauen, wenn man bedenkt, dass mein Genick ungeschützt ist und ich eigentlich mehr oder minder hilflos bin, solange ich liege. Dazu kommt noch, dass meine ganze linke Hälfte durch das lange liegen ein bisschen taub geworden ist und sich nicht ganz so gut bewegen lässt, besonders die Beine. Die nächsten Worte des Jungen lassen mir nur noch wärmer ums Herz werden, es ist ein schönes Gefühl, dass sich mal auch wirklich jemand für meine Hilfe bedankt und sie nicht als selbstverständlich ansieht, auch, wenn sie das eigentlich ist. Ich lasse die Augen geschlossen und antworte einfach raunend: >>Keine Ursache, hätte doch kaum nen erfrierenden liegen lassen können.<<
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BeitragThema: Re: Aistus   Di Feb 21, 2012 11:30 am

Eigentlich wusste Jiyu nicht besonders viel über seine eigene Art. Ein bisschen hatte er lesen können, aber über die Nagas war nicht viel bekannt. Sie lebten eher zurückgezogen, auch wenn man schon Nagas in den verschiedensten Teilen der Erde gesehen haben will. Sogar im ewigen Eis sollte es solche Stämme geben. Aber es gab zwei Unterarten: die mit Stacheln und die mit Federn. Die mit den Stacheln waren groß, stark und die Krieger der Stämme, sie beschützten eine Kolonie. Die mit Federn, wie es Jiyu einer war, waren sanfter, kleiner und im Allgemeinen auch zierlicher gebaut. So gesehen war Jiyu wahrscheinlich ein Paradeexemplar seiner Art, er wurde immer als schön bezeichnet, wenn auch nie mit Bewunderung, eher... mit Gier in der Stimme. Schrecklicher Gier, an die er nicht mehr denken wollte. Aber etwas hatte er, was allen Federnagas eigen war: eine verschmuste und und nähebedürftige Ader. Früher hatte er die nur bei Heishin ausleben können, und selbst bei ihm nicht von Anfang an, auch wenn sich ihre Freundschaft rasch entwickelt hatte. Nagas lebten in Kolonien und auch Jiyu suchte die Nähe von anderen. Deshalb war er wahrscheinlich zu einer solchen Art Sklave ausgebildet worden... was nichts gebracht hatte, am liebsten hätte er... er wollte nicht daran denken. Jetzt hatte er hier einen großen Haufen warmes, vergleichsweise kuscheliges Fell, welches geradezu zum Schmusen einlud. Und der Wolf hatte wohl nichts dagegen, gestreichelt zu werden, Jiyu war das nur recht. Er hatte immer noch Schmerzen und immer noch saßen viele Ängste fest in ihm fest. Immer noch war er auch verstört wegen dieser neuen Welt, die ihm niemand erklärt hatte. Aber dass er jetzt ein Tier um sich hatte, beruhigte ihn, noch dazu ein Tier, das ihm so bereitwillig geholfen hatte und ihm so nett beistand. Tiere waren anders als die anderen Geschöpfe dieser Welt, sie hintergingen einen nicht, sie erzählten Geschichten und trösteten einen immer, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Der Wolf hier hatte ihm das Leben gerettet, Jiyu wäre wohl sonst über kurz oder lang erfroren. Ein bisschen müde war er immer noch, aber als der große Wolf das Sprechen anfing, hörte Jiyu einfach aufmerksam zu, er war es ja gewohnt, dass Tiere mit ihm sprachen. Aber zwei Dinge verwirrten ihn dann doch... „Woher... woher kennst du denn meinen Namen? Und du bist ein Werwo...Werwolf...“ Langsam dämmerte es Jiyu.. Sein Hirn begann allmählich wieder zu arbeiten. Was hatte der Mann noch gesagt? Da war etwas gewesen, kurz bevor er in die Starre gefallen war.... Werwolf... gebissen... Der Mann war... ein gebissener Werwolf gewesen. Und schlagartig wurde es Jiyu bewusst, der Wolf war der Mann, Raoul in einer anderen Gestalt! Er schnappte kurz nach Luft und setzte sich wieder ruckartig auf. „Herr!“ Wieder zuckte ein scharfer, stechender Schmerz durch seine Seite und er krümmte sich zusammen. Sein Instinkt hielt ihn zwar bei der angenehmen Wärme des Wolfskörpers, aber was er gelernt hatte, drängte ihn davon weg. Nur wollten ihm seine Beine nicht gehorchen und so blieb er sitzen, das Gesicht vor Schmerz verzogen, den Kopf gesenkt und die Hände auf den Knien. „Es... es war sehr großzügig von Euch, mir zu helfen, Herr. Danke. Ihr hättet das nicht tun müssen, Herr...“ Das glückliche Lächeln war verschwunden und hatte dem unsicher-devoten Gesichtsausdruck Platz gemacht. Er wusste nicht, wie er es dem Werwolf je zurückzahlen konnte, was er ihm alles gutes tat... er war so gütig zu ihm und verlangte nichts... Jiyu hatte keine Ahnung, wie er das wieder gutmachen sollte. Auch wenn er meinte, einen Erfrierenden hätte er kaum liegen lassen können. Jiyu wurde leicht rot bei diesen Worten. „Es... war nicht so schlimm, Herr...“ Er hatte ja nur fast blaue Lippen gehabt und wahrscheinlich war er völlig unterkühlt gewesen.
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Raoul
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BeitragThema: Re: Aistus   Fr März 02, 2012 7:10 am

Würde mir dieses Kind nicht so leid tun, ich fände es beinahe schon lustig, wie verblüfft der Junge darauf reagiert, dass ich seinen Namen kenne und kein normaler Wolf bin, aber so finde ich es einfach nur traurig, dass jemand so wenig weiß, dass er nicht einmal einen Wolf und einen Werwolf, die sich ja noch nicht einmal in ihrem Körperbau ähneln, Werwölfe sind viel größer, das hat er ja zumindest noch selbst gemerkt, aber es gibt noch einen Unterschied, der dem kleinen nicht einmal bekannt zu sein scheint: Meinesgleichen ist in der Lage, auf zwei Beinen zu laufen und das spiegelt sich auch sehr deutlich in der Gestalt wieder, sie ähnelt der von normalen Wölfen einfach nicht so richtig. Na ja, aber wie soll der kleine das auch wissen, er scheint wirklich nie rausgekommen zu sein und sich deswegen auch nicht wirklich in dieser Welt zurechtzufinden. Ein Grund mehr, ihn nicht wie die meisten Straßenkinder nur in eine Stadt mitzunehmen, in der es ein vernünftiges Waisenhaus gibt und dann allein zu lassen, der Kleine braucht doch erst mal überhaupt eine Bezugsperson, der er vertrauen kann und ihn von mir zu trennen, wenn ich das werden sollte, dürfte so ziemlich die mieseste Idee sein, die ich je hatte, denke ich mal, der Junge braucht jemanden, an dem er sich festhalten kann und der ihm alles erst mal erklärt, vielleicht kann ich das sein, vielleicht auch nicht, aber ich will ihn eigentlich nur sehr ungern allein lassen, weil das wohl bei seinem psychischen Zustand mehr als kritisch enden könnte, er ist geschwächt, verletzt, hilflos und er wirkt so zerbrechlich. Und ich weiß nicht mal, ob ich Jiyu echt helfen kann, oder ob er sich vor mir fürchtet und niemals Vertrauen zu mir fassen könnte, ich kann nur hoffen, dass er seine Angst und vor allem diese gewohnten Verhaltensmuster ablegen kann, aber ich kann nicht sicher sagen, dass er das schaffen wird, ich kann mir vorstellen, dass Sklaven ziemlich schlagkräftig klar gemacht wird, was sie zu tun und zu lassen haben und dass es für sie ziemlich schwer sein dürfte, sich von den Mustern, die man ihnen im wahrsten Sinne des Wortes eingeprügelt hat, loszulösen. Ziemlich klar wird das ja grade jetzt, wo der Junge merkt, dass ich es bin, der sich an ihn geschmiegt hat, um ihn zu wärmen und deswegen so ruckartig hochschreckt. Ich seufze und stupse dem Jungen sanft gegen die Brust. >>Bleib liegen, du bist immer noch verwundet und wenn du dich zu viel oder zu ruckartig bewegst, wird die Wunde aufreißen und du verblutest. Du solltest dich jetzt nicht zu viel bewegen, bleib einfach erst mal liegen und belaste die Wunde nicht. Es ist das beste für dich, glaub mir.<< Ich blicke ihm in die Augen, so offen ich eben kann, ohne gleich meinen gesamten Gemütszustand offen zu legen und dem Jungen, falls er eine relativ gute Menschenkenntnis besitzt, meine Ängste und Zweifel zu zeigen. Ich schüttle den Kopf, als er behauptet, es sei Großzügig gewesen, ihm zu helfen und ihn zu wärmen und versuche, ein Lächeln zu Stande zu bringen, das nicht gleich an ein Zähnefletschen erinnert, nicht grade einfach in Wolfsgestalt. >>Man muss sich gegenseitig helfen, wenn jemand in Not ist und man in der Lage ist, zu helfen, Jiyu. Es war selbstverständlich und ich hoffe, du hast gut geschlafen. Ich hätte keine Nacht mehr ruhig schlafen können, hätte ich dich jetzt allein gelassen, glaub mir.<< Ich lege den Kopf ein bisschen schief und versuche, so harmlos wie möglich zu wirken, einfach wie ein normaler Wolf, damit der Junge seine Angst ein bisschen ablegen kann. Nicht so einfach, wenn man gleichzeitig versucht, sich mit seinem Gegenüber zu unterhalten, ich will den kleinen ja kennen lernen und auch, dass er mich kennen lernt, damit er es eben schafft, seine Angst abzulegen, die noch ziemlich allgegenwärtig scheint, so, wie ich das sehe. Aber als er sagt, es wäre nicht so schlimm gewesen, kann ich mir einen kurzen, belustigten Blick nicht verkneifen, schließlich hatte ich gesehen, wie schlimm es um ihn gestanden hatte. >>Und wie es so schlimm war.<< Ich ziehe mit einer Kralle meiner rechten Forderpfote meine Tasche näher zu mir und Jiyu, bis sie direkt vor ihm liegt, und blicke ihn weiter an. >>Da drin ist was zu essen, nimmst du es freiwillig oder muss ich dich zwangsfüttern?<<
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BeitragThema: Re: Aistus   So März 11, 2012 6:53 am

Der Schmerz in seiner Seite hatte erbarmungslos zugeschlagen, als Jiyu sich so ruckartig aufgesetzt hatte. Aber immerhin war die Wunde nicht aufgerissen, der junge Naga war gestresst genug. Es war fast schon ein mittleres Wunder, dass er noch lebte und hätte er nicht den Kadaver im Wald gefunden, stünde es jetzt wohl noch schlechter um ihn. Auch das Essen, was er von Raoul bekommen hatte, war schon ein guter Schritt gewesen. Er war immer noch sehr mager, er war von Natur aus schon recht zierlich, aber die Hungertage hatten es noch schlimmer gemacht. Als Raoul ihn gegen die Brust stupste, zuckte er zusammen und zitterte, er befürchtete schon, etwas falsch gemacht zu haben. Aber Raoul meinte nur, er solle sich wieder hinlegen und sich nicht zu viel bewegen, um die Wunde nicht zu belasten. Sie war schon ziemlich schwerwiegend, aber... nun ja, Jiyu könnte sich in einen Naga verwandeln, dann würde die Verletzung innerhalb weniger Minuten völlig abheilen. Aber das verschwieg er, es war ihm verboten, sich bei Verletzungen zu verwandeln, er sollte durch den Heilungsprozess zusätzlich gestraft werden. Und auch, wenn das keine Verletzung war, die sein Herr ihm zugefügt hatte, die alten Muster saßen immer noch fest und so schnell würde er sie nicht loswerden. Es verwirrte ihn im Gegenteil sogar noch, dass Raoul wollte, dass er sich wieder hinlegte und sich schonte, er kannte das nicht. Warum sorgte der Werwolf sich so um ihn, sie kannten sich nicht einmal. „Es... Es geht schon, Herr... Ihr... braucht Euch nicht zu sorgen“ Es war gegen seine Erziehung, einer Herrschaft zu widersprechen, aber eigentlich widersprach er ja nicht. Er spielte es eher hinunter, das hatte er gelernt. Es hatte früher Gäste gegeben, denen die Spuren seiner Misshandlung aufgefallen waren. Und vor ihnen hatte er es runter gespielt und sie dann abgelenkt. Ablenken ging hier sehr schlecht... „Ich meine, ich... ich bin es nicht wert... dass man sich sorgt, Herr“ Meister Heishin hatte es den Kopf gekostet, dass er sich um Jiyu gesorgt hatte. Was, wenn man Raoul genauso tötete? Er war sehr freundlich, aber... das könnte Jiyu nicht verantworten. Das ertrug er nicht.
Noch immer hielt er den Blick starr zu Boden, besser gesagt auf seine schmalen Hände gerichtet. Für ihn war es großzügig gewesen, was Raoul getan hatte, er hatte gelernt, dass er für alles dankbar zu sein hatte, was er erhielt und wenn es für andere das selbstverständlichste der Welt war. Man hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er nichts als ein Objekt war, dass man auch verschenken konnte, wie jedes Objekt. Oder man konnte ihn auch wegwerfen... was man in diesem Fall getan hatte. Man hatte ihn weggeworfen. Und jetzt kauerte er hier, zitternd und verwahrlost, ein mageres kleines Ding, das niemandem mehr wirklich nützen konnte. Umso großzügiger war es doch, dass Raoul ihm geholfen hatte, oder nicht? „Ihr... Ihr seid so... so anders... als die anderen Herrschaften...“, murmelte er, fast unhörbar. Es war nur eine Feststellung, er sagt Dinge, die dem völligen Gegenteil von dem entsprachen, was er bisher gelernt hatte. Und er verstand es einfach nicht, sein ganzes Leben war ihm förmlich eingeprügelt worden, dass er nichts wert sei, dass er froh sein konnte, einen so hübschen Körper und ein so schönes Gesicht zu haben, denn ohne dieses würde ihn niemand haben wollen. Aber dieser Mann hier war so völlig anders als sie und es löste einen seltsamen Konflikt in ihm aus. Zum einen hatte er Angst, ob nicht noch etwas schlimmeres folgen würde. Zum anderen tat es ihm gut, dass es doch noch andere auf der Welt gab...
Plötzlich zog der Werwolf seine Tasche näher und stellte sie direkt vor den überraschten Naga. Und meinte noch, das darin etwas zu essen wäre und er ihn zwangsfüttern würde, sollte er nicht essen. Jiyu zuckte wieder zusammen, er war völlig durcheinander und wie aus der Pistole geschossen kam eine fast schon standardisierte Antwort. „Ich habe keinen Hunger, vielen Dank, Herr“ Dumm nur, dass sein knurrender Magen seine Worte Lügen strafte. Aber dieses war einer der Sätze, die ihm jahrelang eingebläut worden waren, weil es ihm verboten war, vor den Herrschaften zu essen. Ausnahme war, wenn ein Gast des Herren oder der Herr selbst ihn bei Tisch fütterte – durchaus schon vorgekommen, es wurde meist als Spiel betrachtet. Er war eben nur... nur ein hübsches Sammlerstück gewesen, nicht mehr. Sehr viel leiser, fast nur ein heißeres Flüstern, setzte er noch hinzu: „Es... ist mir verboten, vor den Herrschaften zu essen...“ Vielleicht schalt Raoul ihn jetzt, weil er einfach nicht von den alten Mustern abkam... er begann wieder zu zittern, weil er genau das fürchtete...
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BeitragThema: Re: Aistus   Fr Apr 20, 2012 10:43 am

Ich verachte die, die den Jungen zu dem, was er ist, gemacht haben, ich verachte diese Leute von ganzem Herzen, weil ich sehe, wie sehr dieser arme kleine Kerl am Ende ist und weil ich noch nie jemanden gesehen habe, der bei einer solchen Wunde immer noch sagt, dass es in Ordnung wäre und man sich keine Sorgen machen bräuchte, ich sehe doch, dass der Junge verletzt ist, so, wie er sich unter den Schmerzen krümmt und so, wie er aussieht, keine leichte Verletzung und trotzdem... er muss oft geschlagen worden sein, das würde es voll und ganz erklären, irgendwann ist dann jeder Schmerz halb so schlimm und es geht einem hauptsächlich darum, nicht noch mehr einzustecken, als man so oder so schon hat, das kann ich verstehen, ich hab schließlich auch eigentlich immer so getan, als ginge es mir gut, obwohl ich genau wusste, dass ich auch manchmal ernsthaft verletzt wurde, als die Leute mit Steinen nach mir warfen, aber manchmal, so in Ishinveyn, hat das die, die Mitleid hatten, nicht davon abgeschreckt, mir trotzdem helfen zu wollen und daraus habe ich eins wirklich gelernt, dass man immer helfen sollte, erst recht, wenn jemand sagt, es sei nicht so schlimm und man genau sieht, dass es sogar noch schlimmer ist, als es auf den ersten Blick wirkt. Ich weiß, dass es dann nicht nur Wunden im Körper gibt, die man versorgen muss, sondern auch die wesentlich schmerzhafteren in der Seele, die mich selbst lange Zeit geplagt haben und auch heute noch gelegentlich in Form von Alpträumen und heftigen Schmerzen heimsuchen. Und ich hoffe einfach, dass ich das dem Jungen ersparen kann, auch, wenn er ganz offensichtlich schon einiges an seelischen Schäden erlitten hat, schließlich nennt er mich Herr, obwohl mir eigentlich so gut wie nichts unangenehmer wäre, höchstens, wenn ich selbst gezwungen würde, jemanden Herr zu nennen, aber ich denke, das ist dann doch was ganz anderes. Ich lasse ein leises Grollen hören und lege meinen Kopf in Jiyus Schoß, während ich ihn aus meinen Bernsteinfarbenen Augen betrachte, ich will ihm einfach klar machen, dass er, auch, wenn er ein Sklave war, nicht wertloser ist, als irgendeine andere Kreatur auf diesem Planeten, zuletzt als ich, der nur ein umherstreifender Wolf ist.. >>Nenn mich nicht Herr, diese Zeit ist vorbei. Du warst ein Sklave, nicht wahr? Aber das bist du nicht mehr und schon gar nicht mein Sklave, ich kümmere mich nicht deshalb um mich. Ich kümmere mich um dich, weil du Hilfe brauchst. Und du bist es wert, mehr, als die, die du deine Herren nanntest, die sind alles nur wertlose Scheißkerle, mit denen du dich nicht vergleichen solltest. Du bist besser. Und deswegen bitte ich dich nochmal, bleib einfach ruhig liegen, ich will nicht zusehen müssen, wie du verblutest, und ich bin nur Werwolf, kein Heiler, ich kann deine Wunden nur versorgen, nicht schließen.<< Ich schlecke dem Jungen über die Wangen, um ihm klar zu machen, dass er mir wirklich was bedeutet und es mir ernst ist, damit er vielleicht mal merkt, dass ich nicht sein Meister, sondern einfach nur sein Freund bin, der sich um ihn kümmern und ihm durch diese Zeit helfen will.
Nicht besonders einfach, wenn der Freund, oder in seinem Fall wohl wirklich schon Schützling, völlig verstört ist und nicht richtig zu realisieren scheint, dass jetzt alles anders ist. Ich glaube, ein bisschen nachvollziehen zu können, er hat durch die Sklaverei quasi in einer ganz anderen Welt als dieser gelebt, wenn auch nicht so freundlich, und wurde dann aus seiner Welt in diese gerissen, ein Schock, ohne Zweifel, und ich kann es wahrscheinlich so gut nachvollziehen, weil ich ja ganz ähnliches nach diesem Biss durchgemacht habe, vorher hatte ich unter Menschen Leben können, ohne, um meine Gesundheit oder gar mein Leben fürchten zu müssen, und von einem Moment auf den anderen, hatten sie aufgehört, mich zu respektieren und zu achten, weil ich mich durch etwas verändert hatte, das ich einzig und allein getan hatte, um meine Heimatstadt zu schützen. Und so bin ich plötzlich von einer Welt, in der ich ganz normal gewesen war, in eine andere gerissen worden, wobei sich fast alles zum negativen geändert hatte. Und trotzdem waren meine Probleme nicht so groß gewesen wie die, dieses kleinen Jungen, bei dem jetzt doch eigentlich ein besserer Lebensabschnitt anfangen sollte, wie man meinen würde, schließlich ist er frei. Na ja, Freiheit, ohne zu wissen, was man damit anfangen soll.... wenn ich so drüber nachdenke, kann ich den armen sogar verstehen, ihn und seine panische Angst. Trotzdem will ich ihm klar machen, dass ich nicht sein Herr bin, auch, wenn das vielleicht schwer wird. >>Ich weiß, dass ich anders als sie bin. Hör mir zu, sogar, bevor ich zum Werwolf wurde, war ich nur ein einfacher Mann, kaum besser als ein Sklave, stell dir vor, dass wir auf einer Ebene sind. Und du hast die anderen Sklaven doch wohl etwa nicht 'Herr' nennen müssen, oder? In dieser Welt ist, wer nicht zum Adel gehört, so was wie Sklaven, und mich haben meine Herren quasi vor die Tür gejagt, als ich aus meiner Stadt verbannt wurde, ich bin nicht viel anders als du.<< Ich schmiege mich enger an den Jungen, hoffend, dass ihm das die Angst ein bisschen nimmt, gelogen ist zumindest nichts davon und ich wundere mich, wie leicht es mir über die Lippen gekommen ist, zu sagen, dass jeder Mensch, der nicht zum Adel zählt, in dieser Welt nichts weiter als selbst Sklaven sind, andererseits gehöre ich ja nicht mehr zu ihrer Art, das macht es wohl sehr viel leichter, solche Vorwürfe auszusprechen.
Allerdings scheint diese Art der Sklaverei bei weitem weniger schlimm als die, der dieser kleine Junge ausgesetzt war, ich meine, nicht vor den Herren essen zu dürfen, selbst, wenn man kurz vorm Verhungern ist, ist ein bisschen sehr grausam und ich frage mich, wer solche Regeln aufstellen und durchsetzen kann, ohne dadurch nicht mehr ruhigen Gewissens Schlafen zu können. Ich für meinen Teil hätte wohl den Rest meines Lebens Schlafstörungen, wenn ich jemanden zu so etwas zwingen müsste, aber ich verstehe auch, dass sich Jiyu nicht widersetzen will, weil ich mir die Strafen vorstellen kann, eben die üblichen, wenn ein Sklave nicht spurt und nicht tut, was man ihm sagt. Auspeitschen, prügeln, foltern, vielleicht Einzelhaft.... absolut widerlich in meinen Augen. Ich seufze und lege ihm vorsichtig die Tasche mit den Zähnen in den Schoß, bevor ich ihn ruhig aus meinen Wolfsaugen anblicke und mit meiner sanftesten Stimme flüstere: >>Diese Regeln gelten hier nicht mehr, Jiyu, du bist frei und ich bin nicht dein Herr. Iss, du hast es nötig und ich will wirklich nicht, dass du noch ernsthaft krank wirst. Es ist schon in Ordnung, vor mir darfst du essen, es ist nicht schlimm.<< Ich stupse ihn sanft an und lecke nochmal vorsichtig über die Wange des Jungen.
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Jiyu
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BeitragThema: Re: Aistus   Di Jun 05, 2012 3:26 am

Raoul hatte das offensichtliche wirklich erkannt, Jiyu konnte Raoul nicht mal in die Augen sehen, als dieser seinen schweren Kopf auf den Schoß des Nagas legt und zu ihm aufsah. Fast schon krampfhaft blickte er so weit zur Seite, wie es möglich war. Aber in einem Punkt irrte Raoul: Jiyu trug noch immer ein Brandmal im Nacken, das im Moment noch von seinen langen, dichten Haaren verdeckt wurde. Es war sozusagen seine Brandmarke, die ausmacht, wessen und welche Art von Sklave er war. Sobald jemand das Brandmal im Nacken entdeckte, hatte er zudem eine gewisse Macht über ihn. Zumindest wenn man das Wort lesen konnte, was man dort mit eingebrannt hatte. Ein Befehl, der dem kleinen Naga unerträgliche Schmerzen zufügen konnte. Er würde immer ein Sklave bleiben, auch wenn Raoul ihn nicht als solchen aufnahm. Der Werwolf war seinem Lehrmeister wirklich sehr ähnlich, auch Heishin hatte in ihm keinen einfachen Sklaven gesehen, er hatte ihn als einen kleinen Schützling betrachtet, auch wenn er ihn oft gegen seine Überzeugung behandeln musste. Jiyu erinnerte sich noch zu gut daran, wie traurig Heishin ausgesehen hatte, als er ihn zur ersten Nacht mit seinem Herren hatte bringen müssen. Wie sehr es ihm selbst wehgetan hatte, wenn man Jiyu wieder geschlagen hatte, wie er mit dem jungen Naga mitgefühlt hatte. Raoul schien ganz ähnlich zu denken... Aber eins hatte Heishin nicht gemacht, ihm über die Wange geschleckt. Das ließ ihn dann doch wieder zusammenzucken. „Ihr... Danke. Aber... aber bitte, redet... redet nicht so über die Herrschaften... Sie... sie können sehr grausam sein und... und sie haben ihre Ohren überall, bitte, Herr... Es könnte Euch etwas passieren...“ Sie könnten ihn genauso köpfen wie Heishin und noch einmal würde Jiyu das nicht ertragen. Ein Mann war schon wegen ihm ermordet worden. Wenn jetzt noch ein Leben auf sein Gewissen ging, das würde ihm das Herz endgültig brechen.
Raoul versuchte wirklich alles, um ihm klar zu machen, dass er nicht derjenige war, den Jiyu Herr nennen musste, allerdings fiel es ihm schwer, von den alten Mustern loszukommen. Praktisch gesehen waren alle Personen im Palast seine Herren gewesen, insbesondere galt das für Gäste. Die hatte er schließlich zufrieden zu stellen. Allerdings hatte Raoul in einer Hinsicht Recht, die anderen Sklaven hatte er nicht als Herren bezeichnen müssen. Allerdings war er von denen auch recht isoliert gewesen, weil er zum Liebling seines Herren avanciert war und die anderen neidisch auf ihn gewesen waren. Dass er sich hatte erniedrigen und demütigen lassen müssen, dass er regelmäßig blutig geschlagen wurde, das hatten sie nicht gesehen. Sie hatten nur gesehen, dass er ein eigenes Zimmer hatte, mitunter auch wertvolle Dinge geschenkt bekam – aber nichts davon gehörte ihm. Er bekam es, weil er seinem Herren gefällig war. Und als er die Regeln gebrochen hatte und sein Herr genug von ihm hatte, war er rausgeworfen worden. Und hatte den Werwolf getroffen, der sich jetzt um ihn kümmern wollte. Und der ihm erzählte, dass es ihm anscheinend nicht anders gegangen war, was einen überraschten Gesichtsausdruck bei dem Violetthaarigen hinterließ. „Nein.... nein, musste ich nicht... aber Ihr... Ihr seid so... frei und... stark...“ Er wirkte nicht wie jemand, der Sklave war. Außerdem... automatisch strich Jiyu seine Hand über den Nacken des Mannes, auch zwischen die Schulterblätter, aber ein Brandzeichen fand er nicht. Er hatte keine Brandmarke bekommen, war das denn nicht überall üblich? Oder wie hatte er das zu interpretieren? Aber durch das etwas drahtige Fell zu streichen beruhigte ihn sichtlich, auch wenn er eigentlich nur nach etwas suchte... aber das war schnell vergessen, dieses etwas struppige Fell war viel zu einladend für den Nagajungen.
Was das Essen anging, da hemmten ihn immer noch alte Regeln und Gesetze und vor allem die Strafen, die er erhalten hatte in seinem Leben. Seine letzte war wohl die schlimmste von allen gewesen. Zu leben und gleichzeitig in der ständigen Angst, doch noch zu sterben. Doch auch die kleinste Übertretung war hart bestraft worden, es war ein Wunder, dass die Narben von seinen Misshandlungen so klein und beinahe unscheinbar waren. Raoul bestätigte wieder, dass er sich hier nicht an die alten Regeln halten musste. Und Jiyus Magen brüllte ihn förmlich an, endlich zu essen, zumal es so verführerisch nach dem für ihn so notwendigem Fleisch roch. Fleisch... einen Moment noch zögerte der Naga, dann aber griff er schlussendlich doch zu, zielsicher hatte er den Schinken, von dem Raoul ihm schon mal abgegeben hatte, aus der Tasche gezogen und vergaß in diesem Augenblick sogar seine hart antrainierten Manieren, hungrig schlang er ein Stück nach dem anderen hinunter. Er bemerkte nicht, dass seine Eckzähne sich verlängerten, spitzer und kräftiger wurden, dass er unbewusst die Krallen ausfuhr und ein leises, zufriedenes Grollen aus seiner Kehle kam. Ganz zu schweigen von der Zunge, die sich gespalten hatte, normalerweise geschah das nur, wenn er sich verwandelte. Nur die Beine blieben noch Beine. Er war zu beschäftigt, seinen Magen zu füllen.
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BeitragThema: Re: Aistus   Di Jul 31, 2012 4:28 am

Frei und stark.... ich muss mich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Natürlich, nach außen hin wirke ich wahrscheinlich so, aber eigentlich bin ich nicht frei. Wahrscheinlich denkt Jiyu, dass es außer Sklaverei und Gefangenschaft keine Möglichkeit gibt, jemandem seine Freiheit zu nehmen, und ich verstehe seine Haltung als ehemaliger Sklave ja auch, er hat wahrscheinlich nur diese Möglichkeiten kennen gelernt, aber ich weiß, dass man durchaus auch anders seine Freiheit verlieren kann. Natürlich, seit ich gebissen wurde, kann ich hingehen, wohin auch immer ich will, solange keine Menschen dort sind, aber ich werde mich nie wieder unter ihnen aufhalten können, ohne mit dem Hass und der Verachtung leben zu müssen und das ist in meinen Augen genauso schlimm wie Sklaverei, weil man auch nicht frei ist. Ich schüttle den Kopf und in meiner Stimme schwingt hörbar das Bedauern mit, als ich spreche: >>Ich mag stark und frei wirken, aber Tatsache ist, dass auch ich einst nicht mehr war, als nur ein Sklave. Du scheinst wenig über diese Welt zu wissen, aber die Menschheit ist sehr einfach gestrickt: Wenn du reich bist, hast du ein gutes Leben. Wenn du nicht reich bist, bist du nur der Fußabtreter für die, die Geld haben. Ich kann hingehen, wo ich will, natürlich, aber wohin ich auch gehe, als Mensch wäre ich nicht mehr, als ein Sklave derer, die sich diese Welt quasi zueigen machen. Als Werwolf ist es ein bisschen anders, ich muss ihnen nicht mehr gehorchen, kann nun wirklich jeden Weg einschlagen, aber wohin ich auch gehe, bin ich letztendlich doch nur ein Aussätziger, den jeder umbringen dürfte, ohne eine Strafe zu fürchten. Ich bin nicht mehr als ein ausgestoßener Sklave in einem riesigen Gefängnis. Also bitte nenn mich nicht Herr, ich bin das nicht, ich bin nur dein Leidensgenosse. Und wenn du willst auch dein Freund.<< Ich stoße den Jungen wieder sanft mit der Schnauze an und lasse ein wohliges Grollen hören, während Jiyu mir durchs Fell streicht, es tut gut mal wieder von jemandem gekrault zu werden und ich schließe die Augen. Zu lange ist es her, dass mir jemand durchs Nackenfell gestrichen hat, als dass ich das jetzt nicht ausnutzen würde. Ich lege den Kopf in den Nacken und das grollen wird ein bisschen lauter, wobei ich wirklich hoffe, dass der Junge sich dadurch nicht bedroht fühlt.
Dem Jungen beim Essen zuzusehen, ist in gewisser Hinsicht interessant, er zeigt jetzt deutlich, dass er kein Mensch ist, wahrscheinlich weil er einen solchen Hunger hat, dass seine Instinkte mit ihm durchgehen. Was genau er ist, kann ich auch nicht sagen, aber wenn ich mir die Zunge ansehe, ist etwas reptilienähnliches dabei, aber auch, wenn ich mittlerweile viel über die Welt gelernt habe, habe ich noch nie von reptilienähnlichen Wesen gehört, die menschliche Gestalten annehmen können. Natürlich, da sind die Drachen, aber die können sich nicht als Menschen tarnen und wenn sie es könnten, wären sie wohl kaum so klein und zierlich, sondern viel mehr groß und imposant wie auch in ihrer wahren Gestalt. Also muss der Junge etwas anderes sein, aber ihn jetzt zu fragen wäre wohl eher nicht besonders passend. Während der Junge noch isst, nehme ich wieder menschliche Gestalt an und lege meine Kleidung auch so schnell es geht wieder an. Ich seufze und streiche mir ein paar meiner dunklen Haare aus dem Gesicht, bevor ich Jiyu wieder anblicke, dann fällt mein Blick auf die Stelle, wo ich ihm gestern den Verband angelegt habe, ich habe zwar mein bestes getan, damit es zu keinen Entzündungen kommt, aber letztendlich kann man erst nach einer Weile bestimmen, ob es gewirkt hat. >>Ich würde mir gerne nochmal deine Wunde ansehen, ich hab sie zwar verbunden, aber sie könnte sich trotz allem entzündet haben. Darf ich?<< Fragend sehe ich den Jungen an, wahrscheinlich hätte ich auch einfach an die Wunde gehen können, ohne, dass er sich wehrt, aber ich will ihm ja auch symbolisieren, dass ich ihn nicht gegen seinen Willen anfassen werde und er mir auch verbieten kann, das zu tun, wenn es ihm unangenehm ist.
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